I, q. 65 a. 1
Ob die körperlichen Geschöpfe von Gott sind?
Quaestio 65 · Das Werk der Schöpfung der körperlichen Geschöpfe
Einwand 1: Es scheint, dass die körperlichen Geschöpfe nicht von Gott sind. Denn es heißt (Pred 3,14): „Ich habe erkannt, dass alle Werke, die Gott geschaffen hat, für immer bestehen.“ Die sichtbaren Körper aber bestehen nicht für immer; denn es heißt (2 Kor 4,18): „Was man sieht, ist zeitlich; was man aber nicht sieht, ist ewig.“ Also hat Gott die sichtbaren Körper nicht gemacht.
Einwand 2: Ferner heißt es (Gen 1,31): „Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und es war sehr gut.“ Die körperlichen Geschöpfe aber sind böse, da wir finden, dass sie in vielerlei Hinsicht schädlich sind; wie man an den Schlangen sieht, an der Hitze der Sonne und anderen Dingen. Nun wird ein Ding böse genannt, insofern es schädlich ist. Die körperlichen Geschöpfe sind also nicht von Gott.
Einwand 3: Ferner, was von Gott ist, zieht uns nicht von Gott ab, sondern führt uns zu Ihm. Die körperlichen Geschöpfe aber ziehen uns von Gott ab. Daher sagt der Apostel (2 Kor 4,18): „Wir blicken nicht auf das Sichtbare.“ Die körperlichen Geschöpfe sind also nicht von Gott.
Dagegen spricht, dass es heißt (Ps 146,6): „Der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was in ihnen ist.“
Ich antworte darauf, dass gewisse Häretiker behaupten, die sichtbaren Dinge seien nicht vom guten Gott geschaffen, sondern von einem bösen Prinzip, und sie führen zum Beweis ihres Irrtums die Worte des Apostels an (2 Kor 4,4): „Der Gott dieser Welt hat den Sinn der Ungläubigen verblendet.“ Aber diese Position ist gänzlich unhaltbar. Denn wenn Dinge, die verschieden sind, in einem Punkt übereinstimmen, muss es eine Ursache für diese Übereinstimmung geben, da Dinge, die ihrer Natur nach verschieden sind, nicht von sich aus vereint sein können. Wann immer also in verschiedenen Dingen etwas gefunden wird, das allen gemeinsam ist, müssen diese verschiedenen Dinge jenes eine von einer einzigen Ursache empfangen, so wie verschiedene Körper, die heiß sind, ihre Hitze vom Feuer empfangen. Das Sein aber findet sich als allen Dingen gemeinsam, wie sehr sie sich auch sonst unterscheiden mögen. Es muss also ein einziges Prinzip des Seins geben, von dem alle Dinge, auf welche Weise sie auch existieren mögen, ihr Sein haben, seien sie nun unsichtbar und geistig oder sichtbar und körperlich. Der Teufel aber wird der Gott dieser Welt genannt, nicht weil er sie geschaffen hätte, sondern weil die Weltkinder ihm dienen; von diesen sagt der Apostel auch, im gleichen Sinne sprechend: „Ihr Gott ist der Bauch“ (Phil 3,19).
Antwort auf Einwand 1: Alle Geschöpfe Gottes bestehen in gewisser Hinsicht für immer, zumindest was die Materie betrifft, da das, was geschaffen ist, niemals zunichte gemacht werden wird, auch wenn es vergänglich ist. Und je näher ein Geschöpf Gott kommt, der unbeweglich ist, desto mehr ist auch es unbeweglich. Denn die vergänglichen Geschöpfe dauern ewig hinsichtlich ihrer Materie, obwohl sie sich hinsichtlich ihrer Wesensform ändern. Die unvergänglichen Geschöpfe aber dauern hinsichtlich ihrer Substanz, obwohl sie in anderer Hinsicht veränderlich sind, wie zum Beispiel die Himmelskörper hinsichtlich des Ortes oder die geistigen Geschöpfe hinsichtlich der Neigungen. Die Worte des Apostels aber: „Was man sieht, ist zeitlich“, sind, obwohl sie sogar hinsichtlich solcher Dinge wahr sind, wenn man sie an sich betrachtet (insofern jedes sichtbare Geschöpf der Zeit unterworfen ist, entweder dem Sein oder der Bewegung nach), so gemeint, dass sie auf die sichtbaren Dinge zutreffen, insofern sie dem Menschen als Belohnung angeboten werden. Denn solche Belohnungen, die in diesen sichtbaren Dingen bestehen, sind zeitlich; jene aber, die unsichtbar sind, dauern ewig. Daher sagte er zuvor (2 Kor 4,17): „Es schafft uns ... eine ewige Wucht der Herrlichkeit.“
Antwort auf Einwand 2: Die körperlichen Geschöpfe sind ihrer Natur nach gut, wenngleich dieses Gute nicht universell, sondern teilweise und begrenzt ist, woraus eine gewisse Entgegensetzung gegensätzlicher Qualitäten folgt, obwohl jede Qualität an sich gut ist. Jenen jedoch, die die Dinge nicht nach deren Natur beurteilen, sondern nach dem Nutzen, den sie selbst daraus ziehen können, erscheint alles, was ihnen selbst schädlich ist, schlichtweg böse. Denn sie bedenken nicht, dass das, was für eine Person in gewisser Weise schädlich ist, für eine andere nützlich ist, und dass sogar für sie selbst dieselbe Sache in gewisser Hinsicht böse, in anderer aber gut sein kann. Und dies könnte nicht sein, wenn die Körper ihrem Wesen nach böse und schädlich wären.
Antwort auf Einwand 3: Die Geschöpfe ziehen uns von sich aus nicht von Gott ab, sondern führen uns zu Ihm; denn „das Unsichtbare an Gott wird durch das, was gemacht ist, der Einsicht wahrnehmbar“ (Röm 1,20). Wenn sie also die Menschen von Gott abziehen, so ist dies die Schuld derer, die sie töricht gebrauchen. So heißt es (Weish 14,11): „Die Geschöpfe sind zu einem Fallstrick für die Füße der Unweisen geworden.“ Und gerade die Tatsache, dass sie uns so von Gott abziehen können, beweist, dass sie von Ihm kamen, denn sie können die Törichten nicht von Gott wegführen, außer durch die Reize irgendeines Gutes, das sie von Ihm haben.