I, q. 65 a. 4
Ob die Formen der Körper von den Engeln sind?
Quaestio 65 · Das Werk der Schöpfung der körperlichen Geschöpfe
Einwand 1: Es scheint, dass die Formen der Körper von den Engeln kommen. Denn Boethius sagt (De Trin. i): „Von Formen, die ohne Materie sind, kommen die Formen, die in der Materie sind.“ Aber Formen, die ohne Materie sind, sind geistige Substanzen, und Formen, die in der Materie sind, sind die Formen der Körper. Daher sind die Formen der Körper von geistigen Substanzen.
Einwand 2: Ferner wird alles, was durch Teilhabe so beschaffen ist, auf das zurückgeführt, was durch sein Wesen so beschaffen ist. Aber geistige Substanzen sind dem Wesen nach Formen, wohingegen körperliche Geschöpfe Formen durch Teilhabe haben. Daher leiten sich die Formen körperlicher Dinge von geistigen Substanzen ab.
Einwand 3: Ferner haben geistige Substanzen mehr Verursachungskraft als die Himmelskörper. Aber die Himmelskörper geben den Dingen hier unten Form, weshalb man sagt, dass sie Entstehen und Vergehen verursachen. Viel mehr also leiten sich materielle Formen von geistigen Substanzen ab.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. iii, 8): „Wir dürfen nicht annehmen, dass diese körperliche Materie den Engeln auf ihren Wink hin dient, sondern vielmehr, dass sie so Gott gehorcht.“ Aber von der körperlichen Materie kann man sagen, dass sie dem so dient, von dem sie ihre Form empfängt. Die körperlichen Formen sind also nicht von den Engeln, sondern von Gott.
Ich antworte darauf, dass es die Meinung einiger war, alle körperlichen Formen leiteten sich von geistigen Substanzen ab, die wir Engel nennen. Und es gibt zwei Weisen, in denen dies ausgesagt wurde. Denn Platon vertrat die Ansicht, dass die Formen der körperlichen Materie von immateriell subsistierenden Formen abgeleitet und durch diese geformt werden, durch eine Art Teilhabe. So vertrat er die Ansicht, dass ein immaterieller Mensch existiert und ein immaterielles Pferd und so weiter, und dass aus solchen die individuellen sinnlichen Dinge, die wir sehen, konstituiert werden, insofern in der körperlichen Materie der von diesen getrennten Formen empfangene Abdruck verbleibt, durch eine Art Assimilation oder, wie er es nennt, „Teilhabe“ (Phaidon xlix). Und gemäß den Platonikern entspricht die Ordnung der Formen der Ordnung jener getrennten Substanzen; zum Beispiel, dass es eine einzige getrennte Substanz gibt, die Pferd ist und die Ursache aller Pferde, während über dieser das getrennte Leben ist, oder das Leben „per se“, wie sie es nennen, welches die Ursache allen Lebens ist, und dass über diesem wiederum das ist, was sie das Sein selbst nennen, welches die Ursache allen Seins ist. Avicenna jedoch und gewisse andere haben behauptet, dass die Formen der körperlichen Dinge nicht „per se“ in der Materie subsistieren, sondern nur im Intellekt. So sagen sie, dass von Formen, die im Intellekt geistiger Geschöpfe existieren (von ihnen „Intelligenzen“ genannt, von uns aber „Engel“), alle Formen der körperlichen Materie ausgehen, wie die Form seines Handwerks von den Formen im Geist des Handwerkers ausgeht. Diese Theorie scheint dieselbe zu sein wie die gewisser Häretiker der modernen Zeit, die sagen, dass Gott zwar alle Dinge geschaffen habe, aber dass der Teufel die körperliche Materie geformt und in Arten unterschieden habe.
Aber alle diese Meinungen scheinen einen gemeinsamen Ursprung zu haben; sie alle suchten nämlich nach einer Ursache der Formen, als ob die Form von sich aus ins Dasein gebracht würde. Wohingegen, wie Aristoteles (Metaph. vii, text. 26,27,28) beweist, das, was eigentlich gemacht wird, das „Kompositum“ ist. Nun sind die Formen vergänglicher Dinge derart, dass sie zu einer Zeit existieren und zu einer anderen nicht existieren, ohne selbst generiert oder korrumpiert zu werden, sondern aufgrund des Entstehens oder Vergehens des „Kompositums“; da sogar Formen kein Sein haben, sondern Komposita durch Formen Sein haben: denn gemäß der Seinsweise eines Dinges ist die Weise, in der es ins Dasein gebracht wird. Da also Gleiches von Gleichem hervorgebracht wird, dürfen wir die Ursache körperlicher Formen nicht in irgendeiner immateriellen Form suchen, sondern in etwas, das zusammengesetzt ist, so wie dieses Feuer durch jenes Feuer erzeugt wird. Körperliche Formen werden daher verursacht, nicht als Emanationen von irgendeiner immateriellen Form, sondern indem Materie durch irgendein zusammengesetztes Agens von der Potenz in den Akt gebracht wird. Da aber das zusammengesetzte Agens, das ein Körper ist, von einer geschaffenen geistigen Substanz bewegt wird, wie Augustinus sagt (De Trin. iii, 4,5), folgt ferner, dass sogar körperliche Formen von geistigen Substanzen abgeleitet sind, nicht indem sie von ihnen emanieren, sondern als Zielpunkt ihrer Bewegung. Und noch weiter müssen die Spezies des engelhaften Intellekts, die gewissermaßen die Keimgründe der körperlichen Formen sind, auf Gott als erste Ursache zurückgeführt werden. Aber bei der ersten Hervorbringung der körperlichen Geschöpfe kann keine Umwandlung von der Potenz zum Akt stattgefunden haben, und dementsprechend kamen die körperlichen Formen, welche die Körper hatten, als sie zuerst hervorgebracht wurden, unmittelbar von Gott, dessen Geheiß allein die Materie gehorcht, als ihrer eigenen eigentlichen Ursache. Um dies zu bezeichnen, stellt Moses jedem Werk die Worte voran: „Gott sprach: Es werde dies“, oder „das“, um die Formung aller Dinge durch das Wort Gottes anzuzeigen, von Dem, gemäß Augustinus [*Tract. i. in Joan. und Gen. ad lit. i. 4], „alle Form und Angemessenheit und Eintracht der Teile“ ist.
Antwort auf Einwand 1: Unter immateriellen Formen versteht Boethius die Urbilder der Dinge im Geiste Gottes. So sagt der Apostel (Hebr 11,3): „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch das Wort Gottes gefügt wurde; dass aus Unsichtbarem das Sichtbare gemacht wurde.“ Wenn er aber unter immateriellen Formen die Engel versteht, so sagen wir, dass von ihnen materielle Formen kommen, nicht durch Emanation, sondern durch Bewegung.
Antwort auf Einwand 2: Formen, die in der Materie empfangen werden, sind nicht auf selbst-subsistierende Formen desselben Typs zurückzuführen, wie die Platoniker meinten, sondern entweder auf intelligible Formen des engelhaften Intellekts, von denen sie durch Bewegung ausgehen, oder, noch höher, auf die Urbilder im göttlichen Intellekt, durch welche die Samen der Formen in die geschaffenen Dinge eingepflanzt sind, damit sie durch Bewegung in den Akt gebracht werden können.
Antwort auf Einwand 3: Die Himmelskörper formen die irdischen durch Bewegung, nicht durch Emanation.