I, q. 64 a. 4
Ob unsere Luft der Strafort der Dämonen ist?
Quaestio 64 · Die Strafe der Dämonen
Einwand 1: Es scheint, dass diese Luft nicht der Strafort der Dämonen ist. Denn ein Dämon ist eine geistige Natur. Aber eine geistige Natur wird nicht durch einen Ort beeinflusst. Also gibt es keinen Strafort für Dämonen.
Einwand 2: Ferner ist die Sünde des Menschen nicht schwerer als die der Dämonen. Aber der Strafort des Menschen ist die Hölle. Viel mehr ist sie also der Strafort der Dämonen; und folglich nicht die dunkle Luft.
Einwand 3: Ferner werden die Dämonen mit der Pein des Feuers bestraft. Aber es gibt kein Feuer in der dunklen Luft. Also ist die dunkle Luft nicht der Strafort für die Dämonen.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. iii, 10), dass „die dunkle Luft den Dämonen wie ein Gefängnis ist bis zum Tag des Gerichts.“
Ich antworte darauf, Die Engel stehen in ihrer eigenen Natur in der Mitte zwischen Gott und den Menschen. Nun verfügt die Ordnung der göttlichen Vorsehung so, dass sie das Wohl der niederen Ordnungen durch die höheren bewirkt. Aber das Wohl des Menschen wird durch die göttliche Vorsehung auf zwei Weisen verfügt: erstens direkt, wenn ein Mensch zum Guten geführt und vom Bösen abgehalten wird; und dies geschieht passenderweise durch die guten Engel. Auf eine andere Weise indirekt, wie wenn jemand, der angegriffen wird, durch den Kampf gegen den Widerstand geübt wird. Es war passend, dass dieses Bewirken des menschlichen Wohls durch die bösen Geister herbeigeführt wurde, damit sie nicht aufhörten, in der natürlichen Ordnung von Nutzen zu sein. Folglich schulden die Dämonen einen zweifachen Strafort: einen aufgrund ihrer Sünde, und dies ist die Hölle; und einen anderen, damit sie die Menschen versuchen können, und so ist die dunkle Luft ihr gebührender Strafort.
Nun dauert das Bewirken des Heils der Menschen bis zum Tag des Gerichts an: folglich dauern der Dienst der Engel und das Ringen mit den Dämonen bis dahin an. Daher werden bis dahin die guten Engel hierher zu uns gesandt; und die Dämonen sind in dieser dunklen Luft zu unserer Prüfung: obwohl einige von ihnen sogar jetzt in der Hölle sind, um jene zu quälen, die sie in die Irre geführt haben; so wie einige der guten Engel bei den heiligen Seelen im Himmel sind. Aber nach dem Tag des Gerichts werden alle Bösen, sowohl Menschen als auch Engel, in der Hölle sein, und die Guten im Himmel.
Antwort auf Einwand 1: Ein Ort ist für einen Engel oder eine Seele nicht insofern strafend, als er die Natur durch Veränderung beeinflusst, sondern als er den Willen durch Traurigmachen beeinflusst: weil der Engel oder die Seele erfasst, dass sie an einem Ort ist, der ihrem Willen nicht angenehm ist.
Antwort auf Einwand 2: Eine Seele ist nicht über eine andere gesetzt in der Ordnung der Natur, wie die Dämonen über die Menschen gesetzt sind in der Ordnung der Natur; folglich gibt es keine Parallele.
Antwort auf Einwand 3: Einige haben behauptet, dass die Sinnenstrafe für Dämonen und Seelen bis zum Tag des Gerichts aufgeschoben wird: und dass die Glückseligkeit der Heiligen ebenfalls bis zum Tag des Gerichts aufgeschoben wird. Aber dies ist irrig und steht im Widerspruch zur Lehre des Apostels (2 Kor 5,1): „Wenn unser irdisches Haus dieser Wohnung aufgelöst wird, haben wir ein Haus im Himmel.“ Andere wiederum, die dasselbe nicht von den Seelen zugeben, geben es hinsichtlich der Dämonen zu. Aber es ist besser zu sagen, dass dasselbe Urteil über böse Seelen und böse Engel gefällt wird, ebenso wie über gute Seelen und gute Engel.
Folglich muss gesagt werden, dass, obwohl ein himmlischer Ort zur Herrlichkeit der Engel gehört, ihre Herrlichkeit doch nicht dadurch verringert wird, dass sie zu uns kommen, denn sie betrachten jenen Ort als ihren eigenen; auf dieselbe Weise, wie wir sagen, dass die Ehre des Bischofs nicht verringert wird, während er nicht tatsächlich auf seinem Thron sitzt. In gleicher Weise muss gesagt werden, dass, obwohl die Dämonen nicht tatsächlich im Feuer der Hölle gebunden sind, während sie in dieser dunklen Luft sind, ihre Strafe dennoch nicht geringer ist; weil sie wissen, dass eine solche Einsperrung ihnen gebührt. Daher heißt es in einer Glosse zu Jakobus 3,6: „Sie tragen das Feuer der Hölle mit sich, wohin auch immer sie gehen.“ Auch steht dies nicht im Widerspruch zu dem, was gesagt wird (Lk 8,31): „Sie baten den Herrn, sie nicht in den Abgrund zu stoßen“; denn sie baten darum, weil sie es als eine Strafe für sich erachteten, von einem Ort ausgestoßen zu werden, wo sie den Menschen schaden konnten. Daher heißt es: „Sie [Vulg. ‚Er‘] baten Ihn, dass Er sie [Vulg. ‚ihn‘] nicht aus der Gegend vertreibe“ (Mk 5,10).