I, q. 64 a. 1
Ob der Verstand der Dämonen durch die Beraubung der Erkenntnis aller Wahrheit verdunkelt ist?
Quaestio 64 · Die Strafe der Dämonen
Einwand 1: Es scheint, dass der Verstand der Dämonen dadurch verdunkelt ist, dass er der Erkenntnis aller Wahrheit beraubt ist. Denn wenn sie überhaupt irgendeine Wahrheit kennten, so würden sie am ehesten sich selbst erkennen; dies aber bedeutet, getrennte Substanzen zu erkennen. Dies aber steht nicht im Einklang mit ihrem Unglück: denn dies scheint zu einer großen Glückseligkeit zu gehören, insofern einige Autoren die letzte Glückseligkeit des Menschen in die Erkenntnis der getrennten Substanzen gesetzt haben. Also sind die Dämonen aller Erkenntnis der Wahrheit beraubt.
Einwand 2: Ferner scheint das, was seiner Natur nach am offenkundigsten ist, den Engeln, ob gut oder böse, besonders offenkundig zu sein. Dass dasselbe uns nicht offenkundig ist, rührt von der Schwäche unseres Verstandes her, der seine Erkenntnis aus den Phantasmen schöpft; so wie es von der Schwäche ihres Auges herrührt, dass die Eule das Licht der Sonne nicht schauen kann. Die Dämonen aber können Gott nicht erkennen, der aus sich selbst heraus am offenkundigsten ist, weil er die höchste Wahrheit ist; und dies deshalb, weil sie nicht reinen Herzens sind, wodurch allein Gott gesehen werden kann. Also können sie auch andere Dinge nicht erkennen.
Einwand 3: Ferner ist nach Augustinus (Gen. ad lit. iv, 22) die eigentliche Erkenntnis der Engel zweifach; nämlich die Morgen- und die Abend-Erkenntnis. Die Dämonen aber haben keine Morgen-Erkenntnis, weil sie die Dinge nicht im Wort schauen; noch haben sie die Abend-Erkenntnis, weil diese Abend-Erkenntnis die gewussten Dinge auf das Lob des Schöpfers bezieht (daher kommt nach dem „Abend“ der „Morgen“ [Gen 1]). Also können die Dämonen keine Erkenntnis der Dinge haben.
Einwand 4: Ferner erkannten die Engel bei ihrer Erschaffung das Geheimnis des Reiches Gottes, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. v, 19; De Civ. Dei xi). Die Dämonen aber sind einer solchen Erkenntnis beraubt: „denn hätten sie es erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit niemals gekreuzigt“, wie es in 1 Kor 2,8 heißt. Also sind sie aus demselben Grund auch aller anderen Erkenntnis der Wahrheit beraubt.
Einwand 5: Ferner wird jede Wahrheit, die jemand kennt, entweder auf natürliche Weise erkannt, so wie wir die ersten Prinzipien erkennen; oder indem man sie von jemand anderem ableitet, so wie wir durch Lernen erkennen; oder durch lange Erfahrung, wie die Dinge, die wir durch Entdeckung lernen. Nun können die Dämonen die Wahrheit nicht durch ihre eigene Natur erkennen, weil, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xi, 33), die guten Engel von ihnen getrennt sind wie das Licht von der Finsternis; und alles Offenbarwerden geschieht durch das Licht, wie es in Eph 5,13 heißt. Ebenso können sie nicht durch Offenbarung lernen, noch durch Belehrung von den guten Engeln: denn „welche Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis?“ (2 Kor 6,14). Auch können sie nicht durch lange Erfahrung lernen: denn Erfahrung kommt von den Sinnen. Folglich gibt es keine Erkenntnis der Wahrheit in ihnen.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), dass „den Dämonen gewisse Gaben verliehen wurden, die, wie wir sagen, keineswegs verändert wurden, sondern unversehrt und höchst glanzvoll bleiben.“ Nun gehört die Erkenntnis der Wahrheit zu diesen natürlichen Gaben. Folglich gibt es eine gewisse Erkenntnis der Wahrheit in ihnen.
Ich antworte darauf, dass die Erkenntnis der Wahrheit zweifach ist: eine, die aus der Natur kommt, und eine, die aus der Gnade kommt. Die Erkenntnis, die aus der Gnade kommt, ist ebenfalls zweifach: die erste ist rein spekulativ, wie wenn göttliche Geheimnisse einem Individuum mitgeteilt werden; die andere ist affektiv und bewirkt die Liebe zu Gott; welche Erkenntnis eigentlich zur Gabe der Weisheit gehört.
Von diesen drei Arten der Erkenntnis wurde die erste den Dämonen weder genommen noch verringert. Denn sie folgt aus der eigentlichen Natur des Engels, der seiner Natur nach ein Intellekt oder Geist ist: da aufgrund der Einfachheit seiner Substanz nichts von seiner Natur weggenommen werden kann, so dass er durch Entzug seiner natürlichen Kräfte bestraft würde, wie ein Mensch bestraft wird, indem ihm eine Hand oder ein Fuß oder etwas anderes genommen wird. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass die natürlichen Gaben in ihnen unversehrt bleiben. Folglich wurde ihre natürliche Erkenntnis nicht vermindert. Die zweite Art der Erkenntnis jedoch, die aus der Gnade kommt und in der Spekulation besteht, ist ihnen nicht gänzlich genommen, aber verringert worden; weil ihnen von diesen göttlichen Geheimnissen nur so viel offenbart wird, wie notwendig ist; und das geschieht entweder durch Vermittlung der Engel oder „durch einige zeitliche Wirkungen der göttlichen Macht“, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 21); aber nicht im gleichen Maße wie den heiligen Engeln, denen viel mehr Dinge und vollständiger im Wort selbst offenbart werden. Aber der dritten Erkenntnis, wie auch der Liebe (Caritas), sind sie gänzlich beraubt.
Antwort auf Einwand 1: Die Glückseligkeit besteht in der Hinwendung zu etwas Höherem. Die getrennten Substanzen stehen in der Ordnung der Natur über uns; daher kann der Mensch eine Art von Glückseligkeit haben, indem er die getrennten Substanzen erkennt, obwohl seine vollkommene Glückseligkeit darin besteht, die erste Substanz, nämlich Gott, zu erkennen. Aber es ist für eine getrennte Substanz ganz natürlich, eine andere zu erkennen; so wie es für uns natürlich ist, sinnliche Naturen zu erkennen. Daher besteht, so wie die Glückseligkeit des Menschen nicht im Erkennen sinnlicher Naturen besteht, auch die Glückseligkeit des Engels nicht im Erkennen getrennter Substanzen.
Antwort auf Einwand 2: Was seiner Natur nach am offenkundigsten ist, ist uns verborgen, weil es die Grenzen unseres Verstandes übersteigt; und nicht bloß, weil unser Verstand Erkenntnis aus Phantasmen schöpft. Nun übersteigt die göttliche Substanz das Maß nicht nur des menschlichen, sondern sogar des engelhaften Verstandes. Folglich kann nicht einmal ein Engel aus seiner eigenen Natur heraus Gottes Substanz erkennen. Doch aufgrund der Vollkommenheit seines Verstandes kann er von Natur aus eine höhere Erkenntnis Gottes haben als der Mensch. Eine solche Erkenntnis Gottes bleibt auch in den Dämonen. Obwohl sie nicht die Reinheit besitzen, die mit der Gnade kommt, haben sie dennoch die Reinheit der Natur; und diese genügt für die Erkenntnis Gottes, die ihnen von Natur aus zukommt.
Antwort auf Einwand 3: Das Geschöpf ist Finsternis im Vergleich zur Erhabenheit des göttlichen Lichts; und deshalb wird die Erkenntnis des Geschöpfes in seiner eigenen Natur „Abend-Erkenntnis“ genannt. Denn der Abend ist der Finsternis verwandt, besitzt aber noch etwas Licht: wenn aber das Licht gänzlich schwindet, dann ist es Nacht. So hat also die Erkenntnis der Dinge in ihrer eigenen Natur, wenn sie auf das Lob des Schöpfers bezogen wird, wie es bei den guten Engeln der Fall ist, etwas vom göttlichen Licht und kann Abend-Erkenntnis genannt werden; wenn sie aber nicht auf Gott bezogen wird, wie es bei den Dämonen der Fall ist, wird sie nicht abendlich, sondern „nächtliche“ Erkenntnis genannt. Dementsprechend lesen wir in Gen 1,5, dass Gott die Finsternis, die er vom Licht schied, „Nacht nannte“.
Antwort auf Einwand 4: Alle Engel hatten von Anfang an eine gewisse Erkenntnis bezüglich des Geheimnisses des Reiches Gottes, das seine Vollendung in Christus fand; und am meisten von dem Augenblick an, als sie durch die Schau des Wortes beseligt wurden, welche Schau die Dämonen niemals hatten. Doch haben nicht alle Engel es vollständig und gleichermaßen erfasst; daher verstanden die Dämonen das Geheimnis der Menschwerdung noch viel weniger vollständig, als Christus in der Welt war. Denn wie Augustinus bemerkt (De Civ. Dei ix, 21): „Es wurde ihnen nicht so offenbart wie den heiligen Engeln, die eine teilhabende Ewigkeit des Wortes genießen; sondern es wurde durch einige zeitliche Wirkungen bekannt gemacht, um ihnen Schrecken einzujagen.“ Denn hätten sie vollständig und sicher gewusst, dass Er der Sohn Gottes ist und welche Wirkung sein Leiden haben würde, hätten sie niemals die Kreuzigung des Herrn der Herrlichkeit herbeigeführt.
Antwort auf Einwand 5: Die Dämonen erkennen eine Wahrheit auf drei Weisen: erstens durch die Feinheit ihrer Natur; denn obwohl sie durch den Mangel des Lichtes der Gnade verdunkelt sind, werden sie doch durch das Licht ihrer intellektuellen Natur erleuchtet: zweitens durch Offenbarung von den heiligen Engeln; denn obwohl sie nicht mit ihnen in der Übereinstimmung des Willens übereinkommen, stimmen sie dennoch durch die Ähnlichkeit der intellektuellen Natur überein, gemäß welcher sie annehmen können, was von anderen offenbart wird: drittens erkennen sie durch lange Erfahrung; nicht als ob sie diese von den Sinnen ableiteten; sondern wenn die Ähnlichkeit ihrer angeborenen intelligiblen Spezies in den einzelnen Dingen vervollständigt wird, erkennen sie einige Dinge als gegenwärtig, von denen sie vorher nicht wussten, dass sie geschehen würden, wie wir sagten, als wir über die Erkenntnis der Engel handelten (Quaestio [57], Artikel [3], ad 3).