I, q. 64 a. 2
Ob der Wille der Dämonen im Bösen verstockt ist?
Quaestio 64 · Die Strafe der Dämonen
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille der Dämonen nicht im Bösen verstockt ist. Denn die Willensfreiheit gehört zur Natur eines intellektuellen Wesens, welche Natur in den Dämonen verbleibt, wie wir oben sagten (Artikel [1]). Aber die Willensfreiheit ist direkt und primär eher auf das Gute als auf das Böse hingeordnet. Also ist der Wille der Dämonen nicht so im Bösen verstockt, dass er nicht zum Guten zurückkehren könnte.
Einwand 2: Ferner, da Gottes Barmherzigkeit unendlich ist, ist sie größer als die Bosheit der Dämonen, welche endlich ist. Aber niemand kehrt von der Bosheit der Sünde zur Güte der Gerechtigkeit zurück außer durch Gottes Barmherzigkeit. Also können die Dämonen ebenfalls von ihrem Zustand der Bosheit zum Zustand der Gerechtigkeit zurückkehren.
Einwand 3: Ferner, wenn die Dämonen einen im Bösen verstockten Willen haben, dann wäre ihr Wille besonders in jener Sünde verstockt, durch die sie fielen. Aber jene Sünde, nämlich der Stolz, ist nicht mehr in ihnen; weil das Motiv für die Sünde nicht mehr andauert, nämlich die Vorrangstellung. Also ist der Dämon nicht in der Bosheit verstockt.
Einwand 4: Ferner sagt Gregor (Moral. iv), dass der Mensch durch einen anderen wiederhergestellt werden kann, da er durch einen anderen fiel. Aber, wie bereits bemerkt wurde (Quaestio [63], Artikel [8]), fielen die niederen Dämonen durch den höchsten. Also kann ihr Fall durch einen anderen wiedergutgemacht werden. Folglich sind sie nicht in der Bosheit verstockt.
Einwand 5: Ferner, wer in der Bosheit verstockt ist, vollbringt niemals ein gutes Werk. Aber der Dämon vollbringt einige gute Werke: denn er bekennt die Wahrheit, indem er zu Christus sagt: „Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes“ (Mk 1,24). Auch „die Dämonen glauben und zittern“ (Jak 2,19). Und Dionysius bemerkt (Div. Nom. iv), dass „sie das Gute und Beste begehren, welches ist: zu sein, zu leben, zu verstehen.“ Also sind sie nicht in der Bosheit verstockt.
Dagegen spricht, dass es heißt (Ps 73,23): „Der Stolz derer, die dich hassen, steigt beständig auf“; und dies wird von den Dämonen verstanden. Also bleiben sie immerdar verstockt in ihrer Bosheit.
Ich antworte darauf, Es war die Meinung des Origenes [*Peri Archon i. 6], dass jeder Wille des Geschöpfes aufgrund des freien Willens zum Guten und zum Bösen geneigt werden kann; mit Ausnahme der Seele Christi aufgrund der Union mit dem Wort. Eine solche Aussage beraubt Engel und Heilige der wahren Glückseligkeit, weil die ewige Beständigkeit zum Wesen der wahren Glückseligkeit gehört; daher wird sie „ewiges Leben“ genannt. Es widerspricht auch der Autorität der Heiligen Schrift, die erklärt, dass Dämonen und böse Menschen „in die ewige Strafe“ geschickt werden, und die Guten „in das ewige Leben“ gebracht werden. Folglich muss eine solche Meinung als irrig angesehen werden; während gemäß dem katholischen Glauben fest daran festgehalten werden muss, dass sowohl der Wille der guten Engel im Guten gefestigt ist, als auch der Wille der Dämonen im Bösen verstockt ist.
Wir müssen die Ursache dieser Verstocktheit nicht in der Schwere der Sünde suchen, sondern in der Bedingung ihrer Natur oder ihres Zustandes. Denn wie Damascenus sagt (De Fide Orth. ii), „ist der Tod für die Menschen das, was der Fall für die Engel ist.“ Nun ist es klar, dass alle Todsünden der Menschen, ob schwer oder weniger schwer, vor dem Tod verzeihlich sind; wohingegen sie nach dem Tod ohne Nachlass sind und für immer andauern.
Um also die Ursache dieser Verstocktheit zu finden, muss bedacht werden, dass das Begehrungsvermögen in allen Dingen dem Erkenntnisvermögen proportioniert ist, von dem es bewegt wird, wie das Bewegliche von seinem Beweger. Denn das sinnliche Begehren sucht ein partikulares Gut; während der Wille das universale Gut sucht, wie oben gesagt wurde (Quaestio [59], Artikel [1]); so wie auch der Sinn partikulare Objekte erfasst, während der Intellekt das Allgemeine betrachtet. Nun unterscheidet sich die Auffassung des Engels von der des Menschen in dieser Hinsicht, dass der Engel durch seinen Intellekt unverrückbar erfasst, so wie wir unverrückbar die ersten Prinzipien erfassen, die Gegenstand des Habitus der „Intelligenz“ (des intuitiven Verstandes) sind; wohingegen der Mensch durch seine Vernunft beweglich (diskursiv) erfasst, indem er von einer Überlegung zur anderen übergeht; und den Weg offen hat, auf dem er zu jedem von zwei Gegensätzen fortschreiten kann. Folglich haftet der Wille des Menschen einer Sache beweglich an, mit der Macht, sie zu verlassen und dem Gegenteil anzuhängen; wohingegen der Wille des Engels fest und unverrückbar anhaftet. Daher kann er, wenn sein Wille vor dem Anhaften betrachtet wird, frei entweder diesem oder seinem Gegenteil anhaften (nämlich in solchen Dingen, die er nicht von Natur aus will); aber nachdem er einmal angehaftet hat, klammert er sich unverrückbar fest. So ist es üblich zu sagen, dass der freie Wille des Menschen sowohl vor als auch nach der Wahl zum Gegenteil hin flexibel ist; aber der freie Wille des Engels ist vor der Wahl zu jedem Gegenteil flexibel, aber nicht danach. Daher wurden die guten Engel, die der Gerechtigkeit anhingen, darin gefestigt; wohingegen die bösen, indem sie sündigten, in der Sünde verstockt sind. Später werden wir von der Verstocktheit der Menschen handeln, die verdammt sind (SP, Quaestio [98], Artikel [1], 2).
Antwort auf Einwand 1: Die guten und bösen Engel haben einen freien Willen, aber gemäß der Art und Bedingung ihres Zustandes, wie gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Gottes Barmherzigkeit befreit jene von der Sünde, die bereuen. Aber solche, die nicht fähig sind zu bereuen, klammern sich unverrückbar an die Sünde und werden nicht durch die göttliche Barmherzigkeit befreit.
Antwort auf Einwand 3: Die erste Sünde des Teufels verbleibt noch in ihm gemäß dem Begehren; obwohl nicht hinsichtlich seines Glaubens, dass er erlangen kann, was er begehrte. Ebenso, wenn ein Mensch glaubte, er könne einen Mord begehen, und will ihn begehen, und danach wird ihm die Macht genommen; dennoch kann der Wille zum Mord bei ihm bleiben, so dass er wollte, er hätte es getan, oder es immer noch tun würde, wenn er könnte.
Antwort auf Einwand 4: Die Tatsache, dass der Mensch aufgrund der Einflüsterung eines anderen sündigte, ist nicht die ganze Ursache dafür, dass die Sünde des Menschen verzeihlich ist. Folglich ist das Argument nicht stichhaltig.
Antwort auf Einwand 5: Der Akt eines Dämons ist zweifach. Einer kommt aus dem überlegten Willen; und dieser wird eigentlich sein eigener Akt genannt. Ein solcher Akt ist auf Seiten des Dämons immer böse; denn obwohl er zuweilen etwas Gutes tut, tut er es doch nicht gut; wie wenn er die Wahrheit sagt, um zu täuschen; und wenn er glaubt und bekennt, doch nicht willig, sondern gezwungen durch die Evidenz der Dinge. Eine andere Art von Akt ist dem Dämon natürlich; dieser kann gut sein und zeugt von der Güte der Natur. Doch missbraucht er selbst solche guten Akte zu bösem Zweck.