I, q. 6 a. 4
Ob alle Dinge durch die göttliche Güte gut sind?
Quaestio 6 · Die Güte Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass alle Dinge durch die göttliche Güte gut sind. Denn Augustinus sagt (De Trin. viii): „Dieses und jenes ist gut; nimm dieses und jenes weg, und sieh das Gute selbst, wenn du kannst; und so wirst du Gott sehen, gut nicht durch irgendein anderes Gut, sondern das Gut jedes Guten.“ Aber alles ist gut durch sein eigenes Gut; also ist alles gut durch jenes Gut selbst, welches Gott ist.
Einwand 2: Ferner, wie Boethius sagt (De Hebdom.), werden alle Dinge gut genannt, insofern sie auf Gott hingeordnet sind, und dies geschieht aufgrund der göttlichen Güte; also sind alle Dinge gut durch die göttliche Güte.
Dagegen spricht: Alle Dinge sind gut, insofern sie das Sein haben. Aber sie werden nicht Seiende genannt durch das göttliche Sein, sondern durch ihr eigenes Sein; also sind alle Dinge nicht gut durch die göttliche Güte, sondern durch ihre eigene Güte.
Ich antworte darauf: Was relative Dinge betrifft, müssen wir eine extrinsische Benennung zulassen; so wird ein Ding „platziert“ vom „Ort“ her benannt und „gemessen“ vom „Maß“ her. Aber was absolute Dinge betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Plato behauptete die Existenz getrennter Ideen (Frage [84], Artikel [4]) aller Dinge, und dass Individuen nach ihnen benannt würden, indem sie an den getrennten Ideen teilhaben; zum Beispiel, dass Sokrates Mensch genannt wird gemäß der getrennten Idee des Menschen. Nun, so wie er getrennte Ideen von Mensch und Pferd festlegte, die er den Menschen an sich und das Pferd an sich nannte, so legte er gleichermaßen getrennte Ideen des „Seienden“ und des „Einen“ fest, und diese nannte er das absolute Sein und das absolute Eins; und durch Teilhabe an diesen wurde alles „seiend“ oder „eins“ genannt; und was so das absolute Sein und das absolute Eins war, nannte er das höchste Gut. Und weil das Gute mit dem Seienden austauschbar ist, wie auch das Eine; nannte er Gott das absolute Gute, von dem alle Dinge im Wege der Teilhabe gut genannt werden.
Obwohl diese Meinung unvernünftig erscheint, indem sie getrennte Ideen natürlicher Dinge als für sich bestehend behauptet – wie Aristoteles auf viele Weisen argumentiert –, so ist es doch absolut wahr, dass es etwas Erstes gibt, das wesentlich Sein und wesentlich gut ist, welches wir Gott nennen, wie aus dem hervorgeht, was oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [3]), und Aristoteles stimmt dem zu. Daher kann von dem ersten Seienden, das wesentlich ein solches und gut ist, alles gut und ein Seiendes genannt werden, insofern es an ihm teilhat im Wege einer gewissen Assimilation, die weit entfernt und mangelhaft ist; wie aus dem Obigen hervorgeht (Frage [4], Artikel [3]).
Alles wird daher gut genannt von der göttlichen Güte her, als vom ersten exemplarischen, wirkenden und finalen Prinzip aller Güte. Dennoch wird alles gut genannt aufgrund der ihm zukommenden Ähnlichkeit der göttlichen Güte, welche formal seine eigene Güte ist, wodurch es gut benannt wird. Und so gibt es von allen Dingen eine Güte, und doch viele Güten.
Dies genügt als Antwort auf die Einwände.