I, q. 6 a. 3
Ob das Wesentlich-Gut-Sein Gott allein zukommt?
Quaestio 6 · Die Güte Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Wesentlich-Gut-Sein nicht Gott allein zukommt. Denn wie „Eines“ mit „Seiendes“ austauschbar ist, so auch „Gut“; wie wir oben sagten (Frage [5], Artikel [1]). Aber jedes Seiende ist wesentlich eins, wie aus dem Philosophen hervorgeht (Metaph. iv); also ist jedes Seiende wesentlich gut.
Einwand 2: Ferner, wenn gut ist, was alle Dinge begehren, da das Sein selbst von allen begehrt wird, dann ist das Sein eines jeden Dinges sein Gut. Aber alles ist wesentlich ein Seiendes; also ist jedes Seiende wesentlich gut.
Einwand 3: Ferner ist alles gut durch seine eigene Güte. Wenn es also etwas gibt, das nicht wesentlich gut ist, muss man sagen, dass seine Güte nicht sein eigenes Wesen ist. Daher muss seine Güte, da sie ein Seiendes ist, gut sein; und wenn sie durch eine andere Güte gut ist, gilt dieselbe Frage auch für jene Güte; daher müssen wir entweder ins Unendliche fortschreiten oder zu einer Güte kommen, die nicht durch eine andere Güte gut ist. Daher hat die erste Annahme Bestand. Also ist alles wesentlich gut.
Dagegen spricht, dass Boethius sagt (De Hebdom.), dass „alle Dinge außer Gott durch Teilhabe gut sind.“ Also sind sie nicht wesentlich gut.
Ich antworte darauf, dass Gott allein wesentlich gut ist. Denn alles wird gut genannt gemäß seiner Vollkommenheit. Nun ist die Vollkommenheit eines Dinges dreifach: erstens gemäß der Konstitution seines eigenen Seins; zweitens in Bezug auf irgendwelche Akzidenzien, die als notwendig für sein vollkommenes Wirken hinzugefügt werden; drittens besteht Vollkommenheit im Erlangen von etwas anderem als Ziel. So besteht zum Beispiel die erste Vollkommenheit des Feuers in seinem Dasein, das es durch seine eigene Substanzform hat; seine sekundäre Vollkommenheit besteht in Hitze, Leichtigkeit und Trockenheit und dergleichen; seine dritte Vollkommenheit ist es, an seinem eigenen Ort zu ruhen. Diese dreifache Vollkommenheit kommt keinem Geschöpf durch sein eigenes Wesen zu; sie kommt nur Gott zu, in Dem allein das Wesen das Dasein ist; in Dem es keine Akzidenzien gibt; da alles, was anderen akzidentell zukommt, Ihm wesentlich zukommt; wie mächtig zu sein, weise und dergleichen, wie aus dem hervorgeht, was oben dargelegt wurde (Frage [3], Artikel [6]); und Er ist nicht auf etwas anderes als auf ein Ziel hingeordnet, sondern ist Selbst das letzte Ziel aller Dinge. Daher ist es offenkundig, dass Gott allein jede Art von Vollkommenheit durch Sein eigenes Wesen besitzt; deshalb ist Er Selbst allein wesentlich gut.
Antwort auf Einwand 1: „Eines“ schließt nicht den Begriff der Vollkommenheit ein, sondern nur den der Ungeteiltheit, was jedem Ding gemäß seinem eigenen Wesen zukommt. Nun sind die Wesenheiten einfacher Dinge sowohl aktuell als auch potenziell ungeteilt, die Wesenheiten von Zusammensetzungen aber sind nur aktuell ungeteilt; und deshalb muss alles wesentlich eins sein, aber nicht wesentlich gut, wie oben gezeigt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl alles darin gut ist, dass es das Sein hat, ist doch das Wesen eines Geschöpfes nicht das Sein selbst; und deshalb folgt nicht, dass ein Geschöpf wesentlich gut ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Güte eines Geschöpfes ist nicht sein Wesen selbst, sondern etwas Hinzugefügtes; sie ist entweder sein Dasein oder irgendeine hinzugefügte Vollkommenheit oder die Hingeordnetheit auf sein Ziel. Dennoch ist die so hinzugefügte Güte selbst gut, so wie sie seiend ist. Aber aus diesem Grund wird sie seiend genannt, weil durch sie etwas Sein hat, nicht weil sie selbst durch etwas anderes Sein hat: daher wird sie aus diesem Grund gut genannt, weil durch sie etwas gut ist, und nicht weil sie selbst irgendeine andere Güte hat, durch die sie gut ist.