I, q. 6 a. 1
Ob Gott gut ist?
Quaestio 6 · Die Güte Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass gut zu sein Gott nicht zukommt. Denn das Gute besteht in Maß, Art und Ordnung. Dies aber scheint Gott nicht zuzukommen, da Gott unermesslich ist und auf nichts anderes hingeordnet ist. Also kommt es Gott nicht zu, gut zu sein.
Einwand 2: Ferner ist das Gute das, was alle Dinge begehren. Aber nicht alle Dinge begehren Gott, weil nicht alle Dinge Ihn erkennen; und nichts wird begehrt, wenn es nicht erkannt wird. Also kommt es Gott nicht zu, gut zu sein.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Klgl 3,25): „Gut ist der Herr zu denen, die auf Ihn hoffen, zur Seele, die Ihn sucht.“
Ich antworte darauf, dass das Gut-Sein Gott in hervorragender Weise zukommt. Denn ein Ding ist gut gemäß seiner Begehrenswertigkeit. Nun strebt alles nach seiner eigenen Vollkommenheit; und die Vollkommenheit und Form einer Wirkung bestehen in einer gewissen Ähnlichkeit zur Wirkursache, da jede Wirkursache ihr Ähnliches bewirkt; und daher ist die Wirkursache selbst begehrenswert und hat die Natur des Guten. Denn genau das, was an ihr begehrenswert ist, ist die Teilhabe an ihrer Ähnlichkeit. Da also Gott die erste Wirkursache aller Dinge ist, ist es offenkundig, dass der Aspekt des Guten und der Begehrenswertigkeit Ihm zukommt; und daher schreibt Dionysius (Div. Nom. iv) Gott das Gute als der ersten Wirkursache zu, indem er sagt, Gott werde gut genannt, „als durch den alles besteht.“
Antwort auf Einwand 1: Maß, Art und Ordnung zu haben, gehört zum Wesen des verursachten Guten; aber das Gute ist in Gott wie in seiner Ursache, und daher kommt es Ihm zu, anderen Maß, Art und Ordnung zu verleihen; weshalb diese drei Dinge in Gott wie in ihrer Ursache sind.
Antwort auf Einwand 2: Alle Dinge begehren, indem sie ihre eigene Vollkommenheit begehren, Gott selbst, insofern die Vollkommenheiten aller Dinge so viele Ähnlichkeiten des göttlichen Seins sind; wie aus dem hervorgeht, was oben gesagt wurde (Frage [4], Artikel [3]). Und so erkennen von jenen Dingen, die Gott begehren, einige Ihn so, wie Er selbst ist, und dies ist der vernunftbegabten Kreatur eigen; andere erkennen eine gewisse Teilhabe an Seiner Güte, und dies gehört auch zur sinnlichen Erkenntnis; andere haben ein natürliches Begehren ohne Erkenntnis, da sie durch eine höhere Intelligenz auf ihre Ziele hingeordnet sind.