I, q. 6 a. 2
Ob Gott das höchste Gut ist?
Quaestio 6 · Die Güte Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht das höchste Gut ist. Denn das höchste Gut fügt dem Guten etwas hinzu; andernfalls käme es jedem Guten zu. Aber alles, was eine Hinzufügung zu etwas anderem ist, ist ein zusammengesetztes Ding: also ist das höchste Gut etwas Zusammengesetztes. Gott aber ist höchst einfach, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [7]). Also ist Gott nicht das höchste Gut.
Einwand 2: Ferner: „Gut ist, was alle begehren“, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 1). Nun ist das, was alle begehren, nichts anderes als Gott, der das Ziel aller Dinge ist: also gibt es kein anderes Gut außer Gott. Dies geht auch aus dem hervor, was gesagt wird (Lk 18,19): „Niemand ist gut als Gott allein.“ Wir gebrauchen aber das Wort „höchst“ im Vergleich mit anderen, wie z. B. höchste Hitze im Vergleich mit allen anderen Hitzen gebraucht wird. Also kann Gott nicht das höchste Gut genannt werden.
Einwand 3: Ferner impliziert „höchst“ einen Vergleich. Dinge aber, die nicht in derselben Gattung sind, sind nicht vergleichbar; so ist Süße nicht eigentlich größer oder kleiner als eine Linie. Da also Gott nicht in derselben Gattung ist wie andere gute Dinge, wie oben gezeigt wurde (Frage [3], Artikel [5]; Frage [4], Artikel [3]), scheint es, dass Gott nicht das höchste Gut im Verhältnis zu anderen genannt werden kann.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. ii), die Dreifaltigkeit der göttlichen Personen sei „das höchste Gut, das von gereinigten Geistern geschaut wird.“
Ich antworte darauf, dass Gott das höchste Gut schlechthin ist, und nicht nur als in irgendeiner Gattung oder Ordnung der Dinge existierend. Denn das Gute wird Gott zugeschrieben, wie im vorhergehenden Artikel gesagt wurde, insofern alle begehrten Vollkommenheiten von Ihm wie von der ersten Ursache ausfließen. Sie fließen jedoch nicht von Ihm aus wie von einer univoken Wirkursache, wie oben gezeigt wurde (Frage [4], Artikel [2]); sondern wie von einer Wirkursache, die mit ihren Wirkungen weder in der Art noch in der Gattung übereinstimmt. Nun findet sich die Ähnlichkeit einer Wirkung in der univoken Ursache gleichförmig; in der äquivoken Ursache aber findet sie sich auf vorzüglichere Weise, wie die Hitze in der Sonne vorzüglicher ist als im Feuer. Da also das Gute in Gott wie in der ersten, aber nicht univoken Ursache aller Dinge ist, muss es in Ihm auf vorzüglichste Weise sein; und deshalb wird Er das höchste Gut genannt.
Antwort auf Einwand 1: Das höchste Gut fügt dem Guten kein absolutes Ding hinzu, sondern nur eine Relation. Nun ist eine Relation Gottes zu den Geschöpfen keine Realität in Gott, sondern im Geschöpf; denn sie ist in Gott nur unserer Auffassung nach: so wie das Erkennbare so genannt wird in Bezug auf die Erkenntnis, nicht dass es von der Erkenntnis abhinge, sondern weil die Erkenntnis von ihm abhängt. So ist es nicht notwendig, dass im höchsten Gut eine Zusammensetzung sei, sondern nur, dass andere Dinge im Vergleich mit ihm mangelhaft sind.
Antwort auf Einwand 2: Wenn wir sagen, dass gut ist, was alle begehren, so ist das nicht so zu verstehen, dass jede Art von gutem Ding von allen begehrt wird; sondern dass alles, was begehrt wird, die Natur des Guten hat. Und wenn gesagt wird: „Niemand ist gut als Gott allein“, so ist dies von der wesentlichen Güte zu verstehen, wie im nächsten Artikel erklärt wird.
Antwort auf Einwand 3: Dinge, die nicht von derselben Gattung sind, sind in keiner Weise miteinander vergleichbar, wenn sie tatsächlich in verschiedenen Gattungen sind. Nun sagen wir, dass Gott nicht in derselben Gattung mit anderen guten Dingen ist; nicht dass Er irgendeine andere Gattung wäre, sondern dass Er außerhalb der Gattung ist und das Prinzip jeder Gattung ist; und so wird Er mit anderen durch Übermaß verglichen, und diese Art von Vergleich impliziert das höchste Gut.