I, q. 59 a. 1
Ob es in den Engeln einen Willen gibt?
Quaestio 59 · Der Wille der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass es in den Engeln keinen Willen gibt. Denn wie der Philosoph sagt (De Anima iii, text. 42), „ist der Wille in der Vernunft.“ In den Engeln aber ist keine Vernunft, sondern etwas Höheres als die Vernunft. Also gibt es in den Engeln keinen Willen, sondern etwas Höheres als den Willen.
Einwand 2: Ferner wird der Wille unter das Begehren gefasst, wie aus dem Philosophen hervorgeht (De Anima iii, text. 42). Das Begehren aber beweist etwas Unvollkommenes; denn es ist ein Verlangen nach etwas, das man noch nicht besitzt. Da es also in den Engeln keine Unvollkommenheit gibt, besonders nicht in den seligen, scheint es, dass es in ihnen keinen Willen gibt.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (De Anima ii, text. 54), dass der Wille ein bewegender Beweger ist; denn er wird bewegt durch das verstandene begehrenswerte Objekt. Nun sind die Engel unbeweglich, da sie unkörperlich sind. Also gibt es keinen Willen in den Engeln.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. x, 11,12), das Bild der Dreifaltigkeit finde sich in der Seele gemäß Gedächtnis, Verstand und Wille. Aber Gottes Bild findet sich nicht nur in der Menschenseele, sondern auch im Engelsgeist, da auch dieser fähig ist, Gott zu erkennen. Also gibt es einen Willen in den Engeln.
Ich antworte darauf, dass wir notwendigerweise einen Willen in die Engel setzen müssen. Zum Beweis dessen muss bedacht werden, dass, da alle Dinge vom göttlichen Willen ausgehen, alle Dinge auf ihre eigene Weise durch Begehren zum Guten geneigt sind, jedoch auf unterschiedliche Weise. Manche sind zum Guten geneigt durch ihre natürliche Neigung, ohne Erkenntnis, wie Pflanzen und unbelebte Körper. Eine solche Neigung zum Guten wird „natürliches Begehren“ genannt. Andere wiederum sind zum Guten geneigt, jedoch mit einer gewissen Erkenntnis; nicht dass sie den Aspekt des Guten erkennen, sondern dass sie ein bestimmtes partikuläres Gut erfassen; wie im Sinn, der das Süße, das Weiße und so weiter erkennt. Die Neigung, die dieser Erfassung folgt, wird „sinnliches Begehren“ genannt. Andere Dinge wiederum haben eine Neigung zum Guten, jedoch mit einer Erkenntnis, durch die sie den Aspekt der Güte wahrnehmen; dies gehört dem Intellekt zu. Dieser ist am vollkommensten zum Guten geneigt; nicht etwa, als würde er bloß von einem anderen zu einem partikulären Gut geführt, wie Dinge ohne Erkenntnis, noch zu einem bloß partikulären Gut, wie Dinge, die nur sinnliche Erkenntnis haben, sondern als geneigt zum Guten im Allgemeinen. Eine solche Neigung wird „Wille“ genannt. Da demnach die Engel durch ihren Intellekt den allgemeinen Aspekt des Guten erkennen, ist es offenkundig, dass es einen Willen in ihnen gibt.
Antwort auf Einwand 1: Die Vernunft übertrifft den Sinn auf eine andere Weise, als der Intellekt die Vernunft übertrifft. Die Vernunft übertrifft den Sinn gemäß der Verschiedenheit der erkannten Objekte; denn der Sinn urteilt über partikuläre Objekte, während die Vernunft über Universalien urteilt. Daher muss es ein Begehren geben, das zum Guten im Abstrakten tendiert, welches Begehren der Vernunft zugehört; und ein anderes mit einer Tendenz zum partikulären Gut, welches Begehren dem Sinn zugehört. Aber Intellekt und Vernunft unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Art zu erkennen; weil der Intellekt durch einfache Anschauung erkennt, während die Vernunft durch einen Prozess des Diskurses von einem Ding zum anderen erkennt. Dennoch gelangt die Vernunft durch solchen Diskurs dazu, das zu erkennen, was der Intellekt ohne diesen erfasst, nämlich das Allgemeine. Folglich ist das Objekt, das dem Begehrungsvermögen seitens der Vernunft und seitens des Intellekts präsentiert wird, dasselbe. Daher gibt es in den Engeln, die rein intellektuell sind, kein Begehren, das höher wäre als der Wille.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl der Name des begehrenden Teils vom Suchen nach Dingen hergeleitet ist, die man noch nicht besitzt, so reicht der begehrende Teil doch nicht nur nach diesen Dingen aus, sondern auch nach vielen anderen; so leitet sich der Name eines Steins [lapis] von der Verletzung des Fußes [laesione pedis] ab, obwohl dies nicht allein einem Stein zukommt. In gleicher Weise wird das Zornvermögen [irascibilis] vom Zorn [ira] benannt; obwohl zugleich mehrere andere Leidenschaften in ihm sind, wie Hoffnung, Wagemut und die übrigen.
Antwort auf Einwand 3: Der Wille wird ein bewegender Beweger genannt, insofern Wollen und Verstehen als Bewegungen einer gewissen Art bezeichnet werden; und es steht nichts entgegen, dass eine Bewegung dieser Art in den Engeln existiert, da eine solche Bewegung der Akt eines vollkommenen Wirkenden ist, wie in De Anima iii, text. 28 dargelegt wird.