I, q. 32 a. 4
Ob es erlaubt ist, verschiedene gegensätzliche Meinungen über die Notionen zu haben?
Quaestio 32 · Das Wissen der göttlichen Personen
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht erlaubt ist, verschiedene gegensätzliche Meinungen über die Notionen zu haben. Denn Augustinus sagt (De Trin. i, 3): „Kein Irrtum ist gefährlicher als irgendeiner bezüglich der Trinität“: zu welchem Geheimnis die Notionen sicherlich gehören. Aber gegensätzliche Meinungen müssen in gewisser Weise irrtümlich sein. Daher ist es nicht recht, gegensätzliche Meinungen über die Notionen zu haben.
Einwand 2: Ferner werden die Personen durch die Notionen erkannt. Aber keine gegensätzliche Meinung bezüglich der Personen darf toleriert werden. Daher auch nicht über die Notionen.
Dagegen spricht, dass die Notionen keine Glaubensartikel sind. Daher sind verschiedene Meinungen über die Notionen zulässig.
Ich antworte darauf, dass etwas auf zwei Arten zum Glauben gehört; direkt, wo irgendeine Wahrheit uns prinzipiell als göttlich gelehrt zukommt, wie die Dreifaltigkeit und Einheit Gottes, die Menschwerdung des Sohnes und dergleichen; und bezüglich dieser Wahrheiten beinhaltet eine falsche Meinung an sich Häresie, besonders wenn sie hartnäckig festgehalten wird. Ein Ding gehört indirekt zum Glauben, wenn seine Leugnung als Konsequenz etwas gegen den Glauben beinhaltet; wie zum Beispiel, wenn jemand sagte, dass Samuel nicht der Sohn von Elkana war, denn daraus folgt, dass die göttliche Schrift falsch wäre. Bezüglich solcher Dinge kann jemand eine falsche Meinung haben ohne Gefahr der Häresie, bevor die Angelegenheit bedacht oder entschieden wurde, dass sie Konsequenzen gegen den Glauben beinhaltet, und besonders wenn keine Hartnäckigkeit gezeigt wird; wohingegen, wenn es offenkundig ist, und besonders wenn die Kirche entschieden hat, dass Konsequenzen gegen den Glauben folgen, dann kann der Irrtum nicht frei von Häresie sein. Aus diesem Grund werden viele Dinge jetzt als häretisch angesehen, die früher nicht so angesehen wurden, da ihre Konsequenzen jetzt offenkundiger sind.
So müssen wir entscheiden, dass jeder gegensätzliche Meinungen über die Notionen hegen kann, wenn er nicht beabsichtigt, etwas aufrechtzuerhalten, das im Widerspruch zum Glauben steht. Wenn jedoch jemand eine falsche Meinung über die Notionen hegen sollte, wissend oder denkend, dass Konsequenzen gegen den Glauben folgen würden, würde er in Häresie verfallen.
Durch das Gesagte können alle Einwände gelöst werden.