I, q. 29 a. 1
Die Definition der „Person“
Quaestio 29 · Die göttlichen Personen
Einwand 1: Es scheint, dass die von Boethius (De Duab. Nat.) gegebene Definition der Person unzureichend ist, nämlich: „Eine Person ist eine individuelle Substanz vernunftbegabter Natur.“ Denn nichts Einzelnes kann Gegenstand einer Definition sein. Aber „Person“ bezeichnet etwas Einzelnes. Daher ist Person ungeeignet definiert.
Einwand 2: Ferner ist die Substanz, wie sie oben in die Definition der Person aufgenommen wurde, entweder die erste Substanz oder die zweite Substanz. Wenn ersteres, ist das Wort „individuell“ überflüssig, weil die erste Substanz individuelle Substanz ist; wenn es für die zweite Substanz steht, ist das Wort „individuell“ falsch, denn es besteht ein Widerspruch in den Begriffen; da zweite Substanzen die „Gattungen“ oder „Arten“ sind. Daher ist diese Definition unkorrekt.
Einwand 3: Ferner darf ein intentionaler Begriff nicht in die Definition eines Dinges aufgenommen werden. Denn den Menschen als „eine Art des Lebewesens“ zu definieren, wäre keine korrekte Definition; da Mensch der Name eines Dinges ist und „Art“ ein Name einer Intention. Da also Person der Name eines Dinges ist (denn sie bezeichnet eine Substanz vernunftbegabter Natur), kommt das Wort „individuell“, das ein intentionaler Name ist, zu Unrecht in die Definition.
Einwand 4: Ferner ist „Natur das Prinzip der Bewegung und der Ruhe in jenen Dingen, in denen sie wesenhaft und nicht akzidentell ist“, wie Aristoteles sagt (Phys. ii). Aber Person existiert in unbeweglichen Dingen, wie in Gott und in den Engeln. Daher sollte das Wort „Natur“ nicht in die Definition der Person eingehen, sondern das Wort sollte eher „Wesenheit“ (Essenz) sein.
Einwand 5: Ferner ist die getrennte Seele eine individuelle Substanz der vernunftbegabten Natur; aber sie ist keine Person. Daher ist Person oben nicht richtig definiert.
Ich antworte darauf: Obwohl das Allgemeine und das Besondere in jeder Gattung existieren, gehört das Individuelle dennoch auf eine gewisse spezielle Weise zur Gattung der Substanz. Denn die Substanz wird durch sich selbst individuiert; wohingegen die Akzidenzien durch das Subjekt individuiert werden, welches die Substanz ist; da dieses bestimmte Weiß „dieses“ genannt wird, weil es in diesem bestimmten Subjekt existiert. Und so ist es vernünftig, dass die Individuen der Gattung Substanz einen eigenen speziellen Namen haben sollten; denn sie werden „Hypostasen“ oder erste Substanzen genannt.
Weiterhin finden sich das Besondere und das Individuelle auf noch speziellere und vollkommenere Weise in den vernunftbegabten Substanzen, die Herrschaft über ihre eigenen Handlungen haben; und die nicht nur zum Handeln bewegt werden, wie andere; sondern die aus sich selbst heraus handeln können; denn Handlungen gehören den Einzeldingen an. Daher haben auch die Individuen der vernunftbegabten Natur einen speziellen Namen, selbst unter anderen Substanzen; und dieser Name ist „Person“.
So wird der Begriff „individuelle Substanz“ in die Definition der Person gesetzt, um das Einzelne in der Gattung der Substanz zu bezeichnen; und der Begriff „vernunftbegabte Natur“ wird hinzugefügt, um das Einzelne in den vernunftbegabten Substanzen zu bezeichnen.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl dieses oder jenes Einzelne nicht definierbar sein mag, kann doch das, was zum allgemeinen Begriff der Einzelheit gehört, definiert werden; und so gibt der Philosoph (De Praedic., cap. De substantia) eine Definition der ersten Substanz; und auf diese Weise definiert Boethius die Person.
Antwort auf Einwand 2: Nach der Meinung einiger steht der Begriff „Substanz“ in der Definition der Person für die erste Substanz, welche die Hypostase ist; noch ist der Begriff „individuell“ überflüssigerweise hinzugefügt, insofern durch den Namen Hypostase oder erste Substanz die Idee der Allgemeinheit und des Teiles ausgeschlossen wird. Denn wir sagen nicht, dass der Mensch im Allgemeinen eine Hypostase ist, noch dass die Hand eine ist, da sie nur ein Teil ist. Aber wo „individuell“ hinzugefügt wird, wird die Idee der Annehmbarkeit von der Person ausgeschlossen; denn die menschliche Natur in Christus ist keine Person, da sie von einem Größeren angenommen ist – das heißt, vom Wort Gottes. Es ist jedoch besser zu sagen, dass Substanz hier in einem allgemeinen Sinne genommen wird, als geteilt in erste und zweite, und wenn „individuell“ hinzugefügt wird, wird sie auf die erste Substanz beschränkt.
Antwort auf Einwand 3: Da uns die substantiellen Unterschiede unbekannt oder zumindest unbenannt sind, ist es manchmal notwendig, akzidentelle Unterschiede anstelle der substantiellen zu verwenden; so können wir zum Beispiel sagen, dass Feuer ein einfacher, heißer und trockener Körper ist: denn eigene Akzidenzien sind die Wirkungen substantieller Formen und machen sie bekannt. Ebenso können Begriffe, die eine Intention ausdrücken, bei der Definition von Realitäten verwendet werden, wenn sie benutzt werden, um Dinge zu bezeichnen, die unbenannt sind. Und so wird der Begriff „individuell“ in die Definition der Person gesetzt, um die Weise der Subsistenz zu bezeichnen, die den besonderen Substanzen zukommt.
Antwort auf Einwand 4: Nach dem Philosophen (Metaph. v, 5) wurde das Wort „Natur“ zuerst verwendet, um die Erzeugung von Lebewesen zu bezeichnen, was Geburt (nativitas) genannt wird. Und weil diese Art der Erzeugung aus einem inneren Prinzip stammt, wird dieser Begriff erweitert, um das innere Prinzip jeder Art von Bewegung zu bezeichnen. In diesem Sinne definiert er „Natur“ (Phys. ii, 3). Und da diese Art von Prinzip entweder formal oder materiell ist, werden sowohl Materie als auch Form gemeinhin Natur genannt. Und da die Wesenheit eines jeden Dinges durch die Form vollendet wird, so wird die Wesenheit eines jeden Dinges, bezeichnet durch die Definition, gemeinhin Natur genannt. Und hier wird Natur in diesem Sinne genommen. Daher sagt Boethius (De Duab. Nat.), dass „Natur die spezifische Differenz ist, die jedem Ding seine Form gibt“, denn die spezifische Differenz vervollständigt die Definition und wird von der speziellen Form eines Dinges abgeleitet. So ist es in der Definition von „Person“, was das Einzelne in einer bestimmten „Gattung“ bedeutet, korrekter, den Begriff „Natur“ als „Wesenheit“ zu verwenden, weil letzterer vom Sein (esse) genommen ist, welches am allgemeinsten ist.
Antwort auf Einwand 5: Die Seele ist ein Teil der menschlichen Spezies; und so, obwohl sie in einem getrennten Zustand existieren mag, kann sie doch, da sie immer ihre Natur der Vereinbarkeit behält, nicht eine individuelle Substanz genannt werden, welche die Hypostase oder erste Substanz ist, wie weder die Hand noch irgendein anderer Teil des Menschen; folglich kommt ihr weder die Definition noch der Name der Person zu.