I, q. 26 a. 3
Ob Gott die Seligkeit eines jeden Seligen ist?
Quaestio 26 · Von der göttlichen Seligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass Gott die Seligkeit eines jeden Seligen ist. Denn Gott ist das höchste Gut, wie oben gesagt wurde (Frage [6], Artikel [2],4). Es ist aber ganz unmöglich, dass es viele höchste Güter gibt, wie ebenfalls aus dem oben Gesagten klar ist (Frage [11], Artikel [3]). Da es also zum Wesen der Seligkeit gehört, das höchste Gut zu sein, scheint es, dass die Seligkeit nichts anderes ist als Gott selbst.
Einwand 2: Ferner ist die Seligkeit das letzte Ziel der vernunftbegabten Natur. Aber das letzte Ziel der vernunftbegabten Natur zu sein, kommt nur Gott zu. Also ist die Seligkeit jedes Seligen Gott allein.
Dagegen spricht, dass die Seligkeit des einen größer ist als die des anderen, gemäß 1 Kor 15,41: „Ein Stern unterscheidet sich vom anderen an Glanz.“ Aber nichts ist größer als Gott. Also ist die Seligkeit etwas von Gott Verschiedenes.
Ich antworte darauf, dass die Seligkeit einer geistigen Natur in einem Akt des Intellekts besteht. Hierbei können wir zwei Dinge betrachten, nämlich den Gegenstand des Aktes, welcher das Erkannte ist, und den Akt selbst, welcher das Erkennen ist. Wenn also die Seligkeit von Seiten des Gegenstandes betrachtet wird, ist Gott die einzige Seligkeit; denn jeder ist allein dadurch selig, dass er Gott erkennt, gemäß dem Wort des Augustinus (Confess. v, 4): „Selig ist, wer dich kennt, auch wenn er sonst nichts weiß.“ Was aber den Akt des Erkennens betrifft, so ist die Seligkeit in den beseligten Geschöpfen etwas Geschaffenes; in Gott aber ist sie auch in dieser Weise etwas Ungeschaffenes.
Antwort auf Einwand 1: Die Seligkeit ist hinsichtlich ihres Gegenstandes das schlechthin höchste Gut, aber hinsichtlich ihres Aktes ist sie in den beseligten Geschöpfen deren höchstes Gut, nicht schlechthin, sondern in jener Art von Gütern, an denen ein Geschöpf teilhaben kann.
Antwort auf Einwand 2: Das Ziel ist zweifach, nämlich das „gegenständliche“ und das „subjektive“, wie der Philosoph sagt (Magna Moralia i, 3), nämlich die „Sache selbst“ und ihr „Gebrauch“. So ist für einen Geizhals das Ziel das Geld und dessen Erwerb. Demgemäß ist Gott zwar das letzte Ziel des vernunftbegabten Geschöpfes als die Sache selbst; aber die geschaffene Seligkeit ist das Ziel als der Gebrauch oder vielmehr der Genuss der Sache.