I, q. 26 a. 1
Ob die Seligkeit Gott zukommt?
Quaestio 26 · Von der göttlichen Seligkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Seligkeit Gott nicht zukommt. Denn nach Boethius (De Consol. iv) ist Seligkeit „ein durch die Ansammlung aller Güter vollkommener Zustand“. Aber Ansammlung hat keinen Platz in Gott, ebenso wenig wie Zusammensetzung. Also kommt Seligkeit Gott nicht zu.
Einwand 2: Ferner ist Seligkeit oder Glückseligkeit der Lohn der Tugend, nach dem Philosophen (Ethic. i, 9). Aber Lohn kommt Gott nicht zu, ebenso wenig wie Verdienst. Also auch nicht die Seligkeit.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt: „Zu seiner Zeit wird er es zeigen, der selige und alleinige Machthaber, der König der Könige und Herr der Herren.“ (1 Tim 6,15).
Ich antworte darauf, dass die Seligkeit Gott in ganz besonderer Weise zukommt. Denn unter dem Begriff der Seligkeit wird nichts anderes verstanden als das vollkommene Gut einer geistigen Natur; welche fähig ist zu erkennen, dass sie eine Genüge des Guten hat, das sie besitzt, und der es zukommt, dass ihr Gutes oder Übles widerfahren kann, und die ihre eigenen Handlungen beherrschen kann. All dies kommt Gott in vorzüglichster Weise zu, nämlich vollkommen zu sein und Einsicht zu besitzen. Daher kommt die Seligkeit Gott im höchsten Grade zu.
Antwort auf Einwand 1: Die Ansammlung des Guten ist in Gott, jedoch nicht nach Art der Zusammensetzung, sondern der Einfachheit; denn was in den Geschöpfen vielfältig ist, existiert in Gott zuvor, wie oben gesagt wurde (Frage [4], Artikel [2]; Frage [13], Artikel [4]), in Einfachheit und Einheit.
Antwort auf Einwand 2: Es kommt der Seligkeit oder Glückseligkeit akzidentell zu, Lohn der Tugend zu sein, insofern jemand zur Seligkeit gelangt; so wie es einem Wesen akzidentell zukommt, das Ziel der Zeugung zu sein, insofern es von der Potenz zum Akt übergeht. Wie also Gott das Sein hat, obwohl er nicht gezeugt ist, so hat er die Seligkeit, obwohl sie nicht durch Verdienst erworben ist.