I, q. 22 a. 3
Ob Gott eine unmittelbare Vorsehung über alles hat?
Quaestio 22 · Die Vorsehung Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott keine unmittelbare Vorsehung über alle Dinge hat. Denn was immer im Begriff der Würde enthalten ist, muss Gott zugeschrieben werden. Aber es gehört zur Würde eines Königs, dass er Diener hat, durch deren Vermittlung er für seine Untertanen sorgt. Daher hat Gott viel weniger selbst unmittelbare Vorsehung über alle Dinge.
Einwand 2: Ferner gehört es zur Vorsehung, alle Dinge auf ein Ziel zu ordnen. Nun ist das Ziel eines jeden Dinges seine Vollkommenheit und sein Gut. Aber es kommt jeder Ursache zu, ihre Wirkung auf das Gute zu lenken; weshalb jede wirkende Ursache eine Ursache der Wirkung der Vorsehung ist. Wenn also Gott unmittelbare Vorsehung über alle Dinge hätte, würden alle sekundären Ursachen aufgehoben.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (Enchiridion 17), dass „es besser ist, einige Dinge nicht zu wissen als sie zu wissen, zum Beispiel geringe Dinge“: und der Philosoph sagt dasselbe (Metaph. xii, 51). Aber was immer besser ist, muss Gott zugewiesen werden. Daher hat Er keine unmittelbare Vorsehung über schlechte und geringe Dinge.
Dagegen spricht, dass es heißt (Ijob 34,13): „Welchen anderen hat Er über die Erde bestellt? Oder wen hat Er über die Welt gesetzt, die Er gemacht hat?“ Zu welcher Stelle Gregor sagt (Moral. xxiv, 20): „Er selbst regiert die Welt, die Er selbst gemacht hat.“
Ich antworte darauf, dass zwei Dinge zur Vorsehung gehören – nämlich das Urbild der Ordnung der Dinge, die auf ein Ziel hin vorherbestimmt sind; und die Ausführung dieser Ordnung, die Regierung genannt wird. Was das erste dieser beiden betrifft, so hat Gott unmittelbare Vorsehung über alles, weil Er in seinem Intellekt die Urbilder von allem hat, selbst der kleinsten Dinge; und welchen Ursachen auch immer Er bestimmte Wirkungen zuweist, Er gibt ihnen die Kraft, diese Wirkungen hervorzubringen. Daher muss es sein, dass Er das Urbild jener Wirkungen im Voraus in seinem Geist hat. Was das zweite betrifft, so gibt es gewisse Mittler der Vorsehung Gottes; denn Er regiert die niederen Dinge durch die höheren, nicht wegen irgendeines Mangels an seiner Macht, sondern aufgrund der Fülle seiner Güte, sodass die Würde der Kausalität auch den Geschöpfen mitgeteilt wird. So ist Platons Meinung, wie sie von Gregor von Nyssa (De Provid. viii, 3) berichtet wird, widerlegt. Er lehrte eine dreifache Vorsehung. Erstens eine, die der höchsten Gottheit gehört, die zuerst und vornehmlich für die geistigen Dinge sorgt und somit für die ganze Welt hinsichtlich Gattung, Art und universeller Ursachen. Die zweite Vorsehung, die über die Individuen all dessen ist, was erzeugt werden und vergehen kann, schrieb er den Gottheiten zu, die in den Himmeln kreisen; das heißt, gewissen getrennten Substanzen, die körperliche Dinge in einer kreisförmigen Richtung bewegen. Die dritte Vorsehung, über menschliche Angelegenheiten, wies er den Dämonen zu, welche die platonischen Philosophen zwischen uns und die Götter stellten, wie Augustinus uns berichtet (De Civ. Dei, 1, 2: viii, 14).
Antwort auf Einwand 1: Es gehört zur Würde eines Königs, Diener zu haben, die seine Vorsehung ausführen. Aber die Tatsache, dass er nicht den Plan jener Dinge hat, die von ihnen getan werden, rührt von einem Mangel in ihm selbst her. Denn jede operative Wissenschaft ist umso vollkommener, je mehr sie die einzelnen Dinge betrachtet, mit denen ihre Handlung befasst ist.
Antwort auf Einwand 2: Gottes unmittelbare Vorsorge für alles schließt die Handlung sekundärer Ursachen nicht aus, welche die Vollstrecker seiner Ordnung sind, wie oben gesagt wurde (Frage [19], Artikel [5],8).
Antwort auf Einwand 3: Es ist besser für uns, niedrige und geringe Dinge nicht zu wissen, weil wir durch sie in unserer Erkenntnis dessen, was besser und höher ist, behindert werden; denn wir können viele Dinge nicht gleichzeitig verstehen; weil der Gedanke an das Übel den Willen manchmal zum Übel hin verkehrt. Dies gilt nicht für Gott, der alles gleichzeitig mit einem Blick sieht und dessen Wille sich nicht in Richtung des Bösen wenden kann.