I, q. 22 a. 4
Ob die Vorsehung den vorhergesehenen Dingen eine Notwendigkeit auferlegt?
Quaestio 22 · Die Vorsehung Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die göttliche Vorsehung den vorhergesehenen Dingen Notwendigkeit auferlegt. Denn jede Wirkung, die eine Ursache „an sich“ (per se) hat, sei sie gegenwärtig oder vergangen, welcher sie notwendigerweise folgt, geschieht aus Notwendigkeit; wie der Philosoph beweist (Metaph. vi, 7). Aber die Vorsehung Gottes präexistiert, da sie ewig ist; und die Wirkung fließt aus ihr mit Notwendigkeit, denn die göttliche Vorsehung kann nicht vereitelt werden. Also legt die göttliche Vorsehung den vorhergesehenen Dingen eine Notwendigkeit auf.
Einwand 2: Ferner macht jeder Vorsorgende sein Werk so stabil wie er kann, damit es nicht scheitere. Aber Gott ist am mächtigsten. Daher weist Er den vorgesehenen Dingen die Stabilität der Notwendigkeit zu.
Einwand 3: Ferner sagt Boethius (De Consol. iv, 6): „Das Schicksal bindet von der unveränderlichen Quelle der Vorsehung her die menschlichen Handlungen und Geschicke durch die unauflösliche Verknüpfung der Ursachen zusammen.“ Es scheint daher, dass die Vorsehung den vorhergesehenen Dingen Notwendigkeit auferlegt.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv, 23), dass „die Natur zu verderben nicht das Werk der Vorsehung ist“. Aber es liegt in der Natur einiger Dinge, kontingent zu sein. Die göttliche Vorsehung legt den Dingen daher keine Notwendigkeit auf, sodass ihre Kontingenz zerstört würde.
Ich antworte darauf, dass die göttliche Vorsehung einigen Dingen Notwendigkeit auferlegt; nicht allen, wie einige früher glaubten. Denn zur Vorsehung gehört es, die Dinge auf ein Ziel hin zu ordnen. Nun ist nach der göttlichen Güte, die ein extrinsisches Ziel für alle Dinge ist, das hauptsächliche Gut in den Dingen selbst die Vollkommenheit des Universums; welche nicht wäre, wenn nicht alle Stufen des Seins in den Dingen gefunden würden. Daher gehört es zur göttlichen Vorsehung, jede Stufe des Seins hervorzubringen. Und so hat sie für einige Dinge notwendige Ursachen bereitet, damit sie aus Notwendigkeit geschehen; für andere kontingente Ursachen, damit sie durch Kontingenz geschehen, gemäß der Natur ihrer nächsten Ursachen.
Antwort auf Einwand 1: Die Wirkung der göttlichen Vorsehung ist nicht nur, dass Dinge irgendwie geschehen; sondern dass sie entweder durch Notwendigkeit oder durch Kontingenz geschehen. Daher geschieht das, was die göttliche Vorsehung anordnet, dass es unfehlbar und aus Notwendigkeit geschehe, unfehlbar und aus Notwendigkeit; und jenes geschieht aus Kontingenz, von dem der Plan der göttlichen Vorsehung konzipiert, dass es aus Kontingenz geschehe.
Antwort auf Einwand 2: Die Ordnung der göttlichen Vorsehung ist unveränderlich und gewiss, insofern alle vorhergesehenen Dinge so geschehen, wie sie vorhergesehen wurden, sei es aus Notwendigkeit oder aus Kontingenz.
Antwort auf Einwand 3: Jene Unauflöslichkeit und Unveränderlichkeit, von der Boethius spricht, beziehen sich auf die Gewissheit der Vorsehung, die nicht darin versagt, ihre Wirkung hervorzubringen, und zwar in der vorhergesehenen Weise; aber sie beziehen sich nicht auf die Notwendigkeit der Wirkungen. Wir müssen bedenken, dass „notwendig“ und „kontingent“ eigentlich gesprochen aus dem Sein als solchem folgen. Daher fällt sowohl der Modus der Notwendigkeit als auch der der Kontingenz unter die Voraussicht Gottes, der universell für alles Sein vorsorgt; nicht unter die Voraussicht von Ursachen, die nur für eine bestimmte partikulare Ordnung der Dinge vorsorgen.