I, q. 22 a. 1
Ob Gott die Vorsehung in angemessener Weise zugeschrieben werden kann?
Quaestio 22 · Die Vorsehung Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorsehung Gott nicht zukommt. Denn die Vorsehung ist nach Cicero (De Invent. ii) ein Teil der Klugheit. Die Klugheit aber, da sie nach dem Philosophen (Ethic. vi, 5,9,18) guten Rat erteilt, kann Gott nicht zukommen, der niemals irgendeinen Zweifel hegt, dessentwegen er Rat pflegen müsste. Also kann die Vorsehung Gott nicht zukommen.
Einwand 2: Ferner ist alles, was in Gott ist, ewig. Die Vorsehung aber ist nichts Ewiges, denn sie befasst sich mit existierenden Dingen, die nicht ewig sind, wie Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 29). Also gibt es keine Vorsehung in Gott.
Einwand 3: Ferner gibt es in Gott nichts Zusammengesetztes. Die Vorsehung aber scheint etwas Zusammengesetztes zu sein, weil sie sowohl den Intellekt als auch den Willen einschließt. Also ist die Vorsehung nicht in Gott.
Dagegen spricht, dass es heißt (Weish 14,3): „Du aber, Vater, lenkst alles durch Vorsehung.“
Ich antworte darauf, dass es notwendig ist, Gott Vorsehung zuzuschreiben. Denn alles Gute, das in den geschaffenen Dingen ist, ist von Gott geschaffen worden, wie oben gezeigt wurde (Frage [6], Artikel [4]). In den geschaffenen Dingen findet sich das Gute nicht nur hinsichtlich ihrer Substanz, sondern auch hinsichtlich ihrer Ordnung auf ein Ziel hin und besonders auf ihr letztes Ziel, welches, wie oben gesagt wurde, die göttliche Güte ist (Frage [21], Artikel [4]). Dieses Gut der Ordnung, das in den geschaffenen Dingen existiert, ist selbst von Gott geschaffen. Da jedoch Gott die Ursache der Dinge durch seinen Intellekt ist und es somit erforderlich ist, dass das Urbild jeder Wirkung in Ihm präexistiert, wie aus dem Vorhergehenden klar ist (Frage [19], Artikel [4]), ist es notwendig, dass das Urbild der Ordnung der Dinge auf ihr Ziel hin im göttlichen Geist präexistiert: und das Urbild der auf ein Ziel hin geordneten Dinge ist, eigentlich gesprochen, die Vorsehung. Denn sie ist der Hauptteil der Klugheit, auf den zwei andere Teile ausgerichtet sind – nämlich die Erinnerung an die Vergangenheit und das Verständnis der Gegenwart; insofern wir aus der Erinnerung an das Vergangene und dem Verständnis des Gegenwärtigen erschließen, wie für die Zukunft vorzusorgen ist. Nun gehört es zur Klugheit, nach dem Philosophen (Ethic. vi, 12), andere Dinge auf ein Ziel hin zu lenken, sei es in Bezug auf sich selbst – wie zum Beispiel ein Mensch klug genannt wird, der seine Handlungen gut auf das Ziel des Lebens ordnet – oder in Bezug auf andere, die ihm unterstehen, in einer Familie, Stadt oder einem Königreich; in welchem Sinne es heißt (Mt 24,45): „ein treuer und kluger Knecht, den sein Herr über seine Familie gesetzt hat.“ Auf diese Weise kann Klugheit oder Vorsehung Gott angemessen zugeschrieben werden. Denn in Gott selbst kann nichts auf ein Ziel hin geordnet sein, da Er das letzte Ziel ist. Dieses Urbild der Ordnung in den Dingen auf ein Ziel hin wird daher in Gott Vorsehung genannt. Daher sagt Boethius (De Consol. iv, 6), dass „die Vorsehung das göttliche Urbild selbst ist, das im höchsten Herrscher sitzt und alles anordnet“; wobei sich diese Anordnung entweder auf das Urbild der Ordnung der Dinge zu einem Ziel oder auf das Urbild der Ordnung der Teile im Ganzen beziehen kann.
Antwort auf Einwand 1: Nach dem Philosophen (Ethic. vi, 9,10) ist „Klugheit das, was streng genommen all das befiehlt, was die ‚Eubulia‘ (Wohlberatenheit) richtig beraten und die ‚Synesis‘ (Verständigkeit) richtig beurteilt hat“ [*Vgl. FS, Frage [57], Artikel [6]]. Daher, auch wenn es Gott nicht ziemen mag, Rat zu pflegen, da der Rat eine Untersuchung zweifelhafter Dinge ist, so kommt es Gott dennoch zu, einen Befehl bezüglich der Ordnung der Dinge auf ein Ziel hin zu geben, deren rechte Vernunft Er besitzt, gemäß Ps 148,6: „Er hat ein Gebot gegeben, und es wird nicht vergehen.“ Auf diese Weise gehören sowohl Klugheit als auch Vorsehung Gott an. Zugleich kann jedoch gesagt werden, dass der eigentliche Vernunftgrund der zu tuenden Dinge in Gott Rat genannt wird; nicht wegen irgendeiner notwendigen Untersuchung, sondern aufgrund der Gewissheit der Erkenntnis, zu der jene, die Rat pflegen, durch Untersuchung gelangen. Daher heißt es: „Der alles wirkt nach dem Rat seines Willens“ (Eph 1,11).
Antwort auf Einwand 2: Zwei Dinge gehören zur Sorge der Vorsehung – nämlich der „Vernunftgrund der Ordnung“, der Vorsehung und Disposition genannt wird; und die Ausführung der Ordnung, die Regierung genannt wird. Von diesen ist das erste ewig, und das zweite zeitlich.
Antwort auf Einwand 3: Die Vorsehung hat ihren Sitz im Intellekt, setzt aber den Akt des Willens zum Ziel voraus. Niemand gibt eine Vorschrift über Dinge, die für ein Ziel getan werden, es sei denn, er will dieses Ziel. Daher setzt die Klugheit die moralischen Tugenden voraus, durch welche das Begehrungsvermögen auf das Gute ausgerichtet wird, wie der Philosoph sagt. Selbst wenn die Vorsehung gleichermaßen mit dem göttlichen Willen und Intellekt zu tun hat, würde dies die göttliche Einfachheit nicht beeinträchtigen, da in Gott Wille und Intellekt ein und dasselbe sind, wie wir oben gesagt haben (Frage [19]).