I, q. 21 a. 4
Ob in jedem Werk Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind?
Quaestio 21 · Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass nicht in jedem Werk Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind. Denn einige Werke Gottes werden der Barmherzigkeit zugeschrieben, wie die Rechtfertigung des Gottlosen; und andere der Gerechtigkeit, wie die Verdammnis der Bösen. Daher heißt es: „Gericht ohne Barmherzigkeit für den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“ (Jak 2,13). Deshalb erscheinen nicht in jedem Werk Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
Einwand 2: Ferner schreibt der Apostel die Bekehrung der Juden der Gerechtigkeit und Wahrheit zu, die der Heiden aber der Barmherzigkeit (Röm 15). Deshalb sind nicht in jedem Werk Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Einwand 3: Ferner werden viele gerechte Personen in dieser Welt bedrängt; was ungerecht ist. Deshalb sind nicht in jedem Werk Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Einwand 4: Ferner ist es Aufgabe der Gerechtigkeit, das Geschuldete zu zahlen, der Barmherzigkeit aber, das Elend zu lindern. So setzen sowohl Gerechtigkeit als auch Barmherzigkeit etwas in ihren Werken voraus: wohingegen die Schöpfung nichts voraussetzt. Deshalb findet sich in der Schöpfung weder Barmherzigkeit noch Gerechtigkeit.
Dagegen spricht: Es heißt (Ps 24,10): „Alle Wege des Herrn sind Barmherzigkeit und Wahrheit.“
Ich antworte darauf: Barmherzigkeit und Wahrheit finden sich notwendigerweise in allen Werken Gottes, wenn Barmherzigkeit im Sinne der Beseitigung irgendeiner Art von Mangel verstanden wird. Nicht jeder Mangel kann jedoch eigentlich Elend genannt werden; sondern nur ein Mangel in einer vernunftbegabten Natur, deren Los es ist, glücklich zu sein; denn Elend steht im Gegensatz zu Glückseligkeit. Für diese Notwendigkeit gibt es einen Grund, denn da eine Schuld, die gemäß der göttlichen Gerechtigkeit gezahlt wird, entweder Gott oder einem Geschöpf geschuldet ist, kann weder das eine noch das andere in irgendeinem Werk Gottes fehlen: weil Gott nichts tun kann, was nicht in Übereinstimmung mit seiner Weisheit und Güte steht; und in diesem Sinne ist, wie wir gesagt haben, Gott etwas geschuldet. Ebenso geschieht alles, was von ihm in den geschaffenen Dingen getan wird, gemäß der rechten Ordnung und Proportion, worin der Begriff der Gerechtigkeit besteht. So muss Gerechtigkeit in allen Werken Gottes existieren. Nun setzt das Werk der göttlichen Gerechtigkeit immer das Werk der Barmherzigkeit voraus und gründet darauf. Denn den Geschöpfen ist nichts geschuldet, außer aufgrund von etwas in ihnen Vorhandenem oder Vorhergewusstem. Wenn dies wiederum einem Geschöpf geschuldet ist, muss es aufgrund von etwas geschuldet sein, das vorausgeht. Und da wir nicht ins Unendliche fortfahren können, müssen wir zu etwas kommen, das allein von der Güte des göttlichen Willens abhängt – welches das letzte Ziel ist. Wir können zum Beispiel sagen, dass es dem Menschen geschuldet ist, Hände zu besitzen, aufgrund seiner vernunftbegabten Seele; und seine vernunftbegabte Seele ist ihm geschuldet, damit er Mensch sei; und dass er Mensch ist, geschieht aufgrund der göttlichen Güte. So erscheint in jedem Werk Gottes, betrachtet an seiner ersten Quelle, die Barmherzigkeit. In allem, was folgt, bleibt die Kraft der Barmherzigkeit bestehen und wirkt sogar mit noch größerer Kraft; da der Einfluss der ersten Ursache intensiver ist als der der zweiten Ursachen. Aus diesem Grund verleiht Gott aus der Fülle seiner Güte den Geschöpfen das ihnen Geschuldete freigebiger, als es ihren Verdiensten entspricht: da weniger ausreichen würde, um die Ordnung der Gerechtigkeit zu wahren, als das, was die göttliche Güte gewährt; weil es zwischen den Geschöpfen und Gottes Güte keine Proportion geben kann.
Antwort auf Einwand 1: Gewisse Werke werden der Gerechtigkeit zugeschrieben und gewisse andere der Barmherzigkeit, weil in einigen die Gerechtigkeit stärker hervortritt und in anderen die Barmherzigkeit. Selbst in der Verdammnis der Verworfenen zeigt sich Barmherzigkeit, die zwar nicht vollständig erlässt, aber doch etwas lindert, indem sie weniger straft, als verdient ist.
In der Rechtfertigung des Gottlosen zeigt sich Gerechtigkeit, wenn Gott Sünden aufgrund der Liebe erlässt, obwohl er selbst diese Liebe barmherzigerweise eingegossen hat. So lesen wir über Magdalena: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt“ (Lk 7,47).
Antwort auf Einwand 2: Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigen sich sowohl in der Bekehrung der Juden als auch der Heiden. Aber ein Aspekt der Gerechtigkeit erscheint in der Bekehrung der Juden, der in der Bekehrung der Heiden nicht gesehen wird; insofern die Juden aufgrund der den Vätern gemachten Verheißungen gerettet wurden.
Antwort auf Einwand 3: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigen sich in der Bestrafung der Gerechten in dieser Welt, da durch Bedrängnisse geringere Fehler in ihnen gereinigt werden und sie umso mehr von irdischen Neigungen zu Gott emporgehoben werden. Hierzu sagt Gregor (Moral. xxvi, 9): „Die Übel, die uns in dieser Welt bedrängen, zwingen uns, zu Gott zu gehen.“
Antwort auf Einwand 4: Obwohl die Schöpfung nichts im Universum voraussetzt, setzt sie doch etwas im Wissen Gottes voraus. Auch auf diese Weise wird der Begriff der Gerechtigkeit in der Schöpfung gewahrt; durch die Hervorbringung von Wesen in einer Weise, die mit der göttlichen Weisheit und Güte übereinstimmt. Und auch der Begriff der Barmherzigkeit wird im Übergang der Geschöpfe vom Nichtsein zum Sein gewahrt.