I, q. 21 a. 1
Ob es in Gott Gerechtigkeit gibt?
Quaestio 21 · Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass es in Gott keine Gerechtigkeit gibt. Denn die Gerechtigkeit wird von der Mäßigung unterschieden. In Gott aber gibt es keine Mäßigung: also auch keine Gerechtigkeit.
Einwand 2: Ferner: Wer tut, was immer er will und was ihm gefällt, der handelt nicht gemäß der Gerechtigkeit. Nun sagt aber der Apostel: „Gott wirkt alles nach dem Ratschluß seines Willens“ (Eph 1,11). Also kann ihm Gerechtigkeit nicht zugeschrieben werden.
Einwand 3: Ferner: Der Akt der Gerechtigkeit besteht darin, das Geschuldete zu geben. Gott aber ist niemandes Schuldner. Also kommt Gott keine Gerechtigkeit zu.
Einwand 4: Ferner: Alles, was in Gott ist, ist sein Wesen. Die Gerechtigkeit aber kann nicht zum Wesen gehören. Denn Boethius sagt (De Hebdom.): „Das Gute bezieht sich auf das Wesen, die Gerechtigkeit auf das Handeln.“ Also kommt Gott keine Gerechtigkeit zu.
Dagegen spricht: Es heißt im Psalm (10,8): „Der Herr ist gerecht und liebt die Gerechtigkeit.“
Ich antworte darauf: Es gibt zwei Arten der Gerechtigkeit. Die eine besteht im gegenseitigen Geben und Nehmen, wie beim Kauf und Verkauf und anderen Arten des Verkehrs und Austauschs. Diese nennt der Philosoph (Ethic. v, 4) die Tauschgerechtigkeit, welche den Austausch und den geschäftlichen Verkehr regelt. Diese kommt Gott nicht zu, da, wie der Apostel sagt: „Wer hat ihm zuerst gegeben, dass es ihm vergolten werde?“ (Röm 11,35). Die andere besteht im Austeilen und wird austeilende Gerechtigkeit genannt; durch sie gibt ein Herrscher oder Verwalter jedem das, was sein Rang verdient. Wie also die rechte Ordnung, die sich in der Leitung einer Familie oder irgendeiner Vielheit zeigt, eine Gerechtigkeit dieser Art im Herrscher beweist, so zeigt die Ordnung des Universums, die sowohl in den Wirkungen der Natur als auch in den Wirkungen des Willens sichtbar wird, die Gerechtigkeit Gottes. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. viii, 4): „Wir müssen erkennen, dass Gott wahrhaft gerecht ist, indem wir sehen, wie er allen existierenden Dingen das gibt, was dem Zustand eines jeden eigen ist, und die Natur eines jeden in der Ordnung und mit den Kräften bewahrt, die ihr eigentümlich zukommen.“
Antwort auf Einwand 1: Einige der moralischen Tugenden beziehen sich auf die Leidenschaften, wie die Mäßigung auf die Begierde, die Tapferkeit auf Furcht und Wagemut, die Sanftmut auf den Zorn. Solche Tugenden können Gott nur metaphorisch zugeschrieben werden; denn wie oben dargelegt (Quaestio [20], Artikel [1]), gibt es in Gott keine Leidenschaften; noch ein sinnliches Begehrungsvermögen, welches, wie der Philosoph sagt (Ethic. iii, 10), das Subjekt dieser Tugenden ist. Andererseits beziehen sich gewisse moralische Tugenden auf Werke des Gebens und Ausgebens, wie Gerechtigkeit, Freigebigkeit und Großartigkeit; und diese haben ihren Sitz nicht im sinnlichen Vermögen, sondern im Willen. Daher hindert nichts daran, diese Tugenden Gott zuzuschreiben; jedoch nicht in bürgerlichen Angelegenheiten, sondern in solchen Handlungen, die ihm nicht unangemessen sind. Denn, wie der Philosoph sagt (Ethic. x, 8), wäre es absurd, Gott für seine politischen Tugenden zu loben.
Antwort auf Einwand 2: Da das Gute, wie es vom Intellekt erkannt wird, Gegenstand des Willens ist, ist es unmöglich, dass Gott etwas anderes will, als was seine Weisheit gutheißt. Dies ist gleichsam sein Gesetz der Gerechtigkeit, gemäß welchem sein Wille recht und gerecht ist. Daher tut er das, was er gemäß seinem Willen tut, gerecht: so wie wir gerecht tun, was wir gemäß dem Gesetz tun. Doch während das Gesetz von einer höheren Macht zu uns kommt, ist Gott sich selbst Gesetz.
Antwort auf Einwand 3: Jedem schuldet man das Seine. Dasjenige nun, was auf einen Menschen hingeordnet ist, wird als das Seine bezeichnet. So besitzt der Herr den Knecht, und nicht umgekehrt, denn frei ist, was Ursache seiner selbst ist. Im Wort „Schuld“ ist daher eine gewisse Forderung oder Notwendigkeit der Sache impliziert, auf die sie hingeordnet ist. Nun ist in den Dingen eine zweifache Ordnung zu betrachten: die eine, wodurch ein geschaffenes Ding auf ein anderes hingeordnet ist, wie die Teile auf das Ganze, das Akzidens auf die Substanz und alle Dinge überhaupt auf ihr Ziel; die andere, wodurch alle geschaffenen Dinge auf Gott geordnet sind. So kann bei den göttlichen Wirkungen die Schuld auf zwei Arten betrachtet werden: entweder als Gott geschuldet oder den Geschöpfen, und auf beide Weisen zahlt Gott das Geschuldete. Gott ist es geschuldet, dass in den Geschöpfen erfüllt werde, was sein Wille und seine Weisheit erfordern und was seine Güte offenbart. In dieser Hinsicht betrifft Gottes Gerechtigkeit das, was ihm ziemt; insofern er sich selbst gibt, was ihm selbst geschuldet ist. Es ist auch einem geschaffenen Ding geschuldet, dass es das besitzt, was ihm zugeordnet ist; so ist es dem Menschen geschuldet, Hände zu haben, und dass andere Tiere ihm dienen. So übt auch Gott Gerechtigkeit, wenn er jedem Ding gibt, was ihm nach seiner Natur und seinem Zustand geschuldet ist. Diese Schuld leitet sich jedoch von der ersteren ab; denn was jedem Ding geschuldet ist, ist ihm geschuldet, insofern es gemäß der göttlichen Weisheit darauf hingeordnet ist. Und obwohl Gott auf diese Weise jedem Ding das Seine zahlt, so ist er doch selbst nicht der Schuldner, da er nicht auf andere Dinge hingeordnet ist, sondern vielmehr andere Dinge auf ihn. Die Gerechtigkeit in Gott wird daher manchmal als die angemessene Begleiterscheinung seiner Güte bezeichnet; manchmal als Belohnung des Verdienstes. Anselm berührt beide Ansichten, wo er sagt (Prosolog. 10): „Wenn Du die Bösen strafst, ist es gerecht, da es ihren Verdiensten entspricht; und wenn Du die Bösen verschonst, ist es auch gerecht; da es Deiner Güte ziemt.“
Antwort auf Einwand 4: Obwohl die Gerechtigkeit das Handeln betrifft, hindert dies nicht, dass sie das Wesen Gottes ist; denn auch das, was zum Wesen eines Dinges gehört, kann das Prinzip des Handelns sein. Aber das Gute betrifft nicht immer das Handeln; denn ein Ding wird nicht nur in Bezug auf das Handeln gut genannt, sondern auch in Bezug auf die Vollkommenheit in seinem Wesen. Aus diesem Grund heißt es (De Hebdom.), dass sich das Gute zum Gerechten verhält wie das Allgemeine zum Besonderen.