I, q. 21 a. 2
Ob die Gerechtigkeit Gottes Wahrheit ist?
Quaestio 21 · Die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht Wahrheit ist. Denn die Gerechtigkeit hat ihren Sitz im Willen; da sie, wie Anselm sagt (Dial. Verit. 13), eine Richtigheit des Willens ist, während die Wahrheit im Intellekt wohnt, wie der Philosoph sagt (Metaph. vi; Ethic. vi, 2,6). Deshalb gehört die Gerechtigkeit nicht zur Wahrheit.
Einwand 2: Ferner ist nach dem Philosophen (Ethic. iv, 7) die Wahrheit eine von der Gerechtigkeit verschiedene Tugend. Die Wahrheit gehört daher nicht zum Begriff der Gerechtigkeit.
Dagegen spricht: Es heißt (Ps 84,11): „Barmherzigkeit und Wahrheit sind einander begegnet“: wo Wahrheit für Gerechtigkeit steht.
Ich antworte darauf: Wahrheit besteht in der Angleichung von Verstand und Sache, wie oben gesagt (Quaestio [16], Artikel [1]). Nun verhält sich der Verstand, der die Ursache der Sache ist, zu ihr als ihre Regel und ihr Maß; wohingegen es sich bei dem Verstand, der sein Wissen von den Dingen empfängt, umgekehrt verhält. Wenn daher die Dinge Maß und Regel des Verstandes sind, besteht Wahrheit in der Angleichung des Verstandes an die Sache, wie es bei uns geschieht. Denn je nachdem, ob ein Ding ist oder nicht ist, sind unsere Gedanken oder unsere Worte darüber wahr oder falsch. Wenn aber der Verstand die Regel oder das Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Angleichung der Sache an den Verstand; so wie das Werk eines Künstlers wahr genannt wird, wenn es mit seiner Kunst übereinstimmt.
Wie sich nun Kunstwerke zur Kunst verhalten, so verhalten sich Werke der Gerechtigkeit zu dem Gesetz, mit dem sie übereinstimmen. Deshalb wird Gottes Gerechtigkeit, welche die Dinge in jener Ordnung festsetzt, die der Regel seiner Weisheit entspricht, welche das Gesetz seiner Gerechtigkeit ist, passenderweise Wahrheit genannt. So sprechen auch wir in menschlichen Angelegenheiten von der Wahrheit der Gerechtigkeit.
Antwort auf Einwand 1: Die Gerechtigkeit hat, was das regierende Gesetz betrifft, ihren Sitz in der Vernunft oder im Intellekt; was aber den Befehl betrifft, durch den unsere Handlungen gemäß dem Gesetz geregelt werden, hat sie ihren Sitz im Willen.
Antwort auf Einwand 2: Die Wahrheit, von der der Philosoph an dieser Stelle spricht, ist jene Tugend, durch die ein Mensch sich in Wort und Tat so zeigt, wie er wirklich ist. Sie besteht also in der Übereinstimmung des Zeichens mit dem Bezeichneten; und nicht in der des Effekts mit seiner Ursache und Regel: wie es bezüglich der Wahrheit der Gerechtigkeit gesagt wurde.