I, q. 18 a. 4
Ob alles in Gott Leben ist?
Quaestio 18 · Das Leben Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alles in Gott Leben ist. Denn es heißt (Apg 17,28): „In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ Aber nicht alle Dinge in Gott sind Bewegung. Also sind nicht alle Dinge Leben in Ihm.
Einwand 2: Ferner sind alle Dinge in Gott als in ihrem ersten Modell. Aber modellierte Dinge müssen dem Modell entsprechen. Da also nicht alle Dinge Leben in sich selbst haben, scheint es, dass nicht alle Dinge Leben in Gott sind.
Einwand 3: Ferner ist, wie Augustinus sagt (De Vera Relig. 29), eine lebende Substanz besser als eine Substanz, die nicht lebt. Wenn daher Dinge, die in sich selbst kein Leben haben, Leben in Gott sind, scheint es, dass Dinge wahrhaftiger in Gott existieren als in sich selbst. Aber dies scheint falsch zu sein; da sie in sich selbst aktuell existieren, in Gott aber potentiell.
Einwand 4: Ferner, so wie gute Dinge und Dinge, die in der Zeit gemacht werden, von Gott erkannt werden, so auch schlechte Dinge und Dinge, die Gott machen kann, aber niemals gemacht werden. Wenn daher alle Dinge Leben in Gott sind, insofern sie von Ihm erkannt werden, scheint es, dass sogar schlechte Dinge und Dinge, die niemals gemacht werden, Leben in Gott sind, da sie von Ihm erkannt werden, und dies scheint unzulässig.
Dagegen spricht, dass es heißt (Joh 1,3.4): „Was gemacht wurde, in Ihm war das Leben.“ Aber alle Dinge wurden gemacht, außer Gott. Also sind alle Dinge Leben in Gott.
Ich antworte darauf, dass in Gott zu leben bedeutet zu verstehen, wie zuvor dargelegt (Artikel 3). In Gott sind der Intellekt, das verstandene Ding und der Akt des Verstehens ein und dasselbe. Daher ist alles, was in Gott als verstanden ist, das eigentliche Leben oder das Leben Gottes. Nun, da alle Dinge, die von Gott gemacht wurden, in Ihm als verstandene Dinge sind, folgt daraus, dass alle Dinge in Ihm das göttliche Leben selbst sind.
Antwort auf Einwand 1: Geschöpfe werden in einem zweifachen Sinne als in Gott seiend bezeichnet. Auf eine Weise, insofern sie durch die göttliche Macht zusammengehalten und bewahrt werden; so wie wir sagen, dass Dinge, die in unserer Macht stehen, in uns sind. Und Geschöpfe werden so als in Gott seiend bezeichnet, selbst wie sie in ihren eigenen Naturen existieren. In diesem Sinne müssen wir die Worte des Apostels verstehen, wenn er sagt: „In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“; da unser Sein, Leben und Bewegen selbst von Gott verursacht sind. In einem anderen Sinne werden Dinge als in Gott seiend bezeichnet, wie in Ihm, der sie erkennt, in welchem Sinne sie durch ihre eigenen Ideen in Gott sind, die in Gott nicht von der göttlichen Wesenheit verschieden sind. Daher sind die Dinge, wie sie in Gott sind, die göttliche Wesenheit. Und da die göttliche Wesenheit Leben und nicht Bewegung ist, folgt daraus, dass Dinge, die auf diese Weise in Gott existieren, nicht Bewegung sind, sondern Leben.
Antwort auf Einwand 2: Das modellierte Ding muss dem Modell gemäß der Form gleichen, nicht gemäß der Seinsweise. Denn manchmal hat die Form im Modell ein Sein anderer Art als das, welches sie im modellierten Ding hat. So hat die Form eines Hauses im Geist des Architekten immaterielles und intelligibles Sein; aber in dem Haus, das außerhalb seines Geistes existiert, materielles und sensibles Sein. Daher sind die Ideen der Dinge, obwohl sie nicht in sich selbst existieren, Leben im göttlichen Geist, da sie eine göttliche Existenz in jenem Geist haben.
Antwort auf Einwand 3: Wenn nur die Form und nicht die Materie zu den natürlichen Dingen gehörte, dann würden natürliche Dinge in jeder Hinsicht wahrhaftiger im göttlichen Geist existieren, durch ihre Ideen, als in sich selbst. Aus welchem Grund tatsächlich Plato annahm, dass der „getrennte“ Mensch der wahre Mensch sei; und dass der Mensch, wie er in der Materie existiert, Mensch nur durch Teilhabe sei. Aber da die Materie in das Sein der natürlichen Dinge eingeht, müssen wir sagen, dass jene Dinge schlechthin wahrhaftiger Sein im göttlichen Geist haben als in sich selbst, weil sie in jenem Geist ein ungeschaffenes Sein haben, in sich selbst aber ein geschaffenes Sein: wohingegen dieses bestimmte Wesen, ein Mensch oder Pferd zum Beispiel, dieses Sein wahrhaftiger in seiner eigenen Natur hat als im göttlichen Geist, weil es zur menschlichen Natur gehört, materiell zu sein, was sie, wie sie im göttlichen Geist existiert, nicht ist. Ebenso hat ein Haus ein edleres Sein im Geist des Architekten als in der Materie; dennoch wird ein materielles Haus wahrhaftiger ein Haus genannt als dasjenige, welches im Geist existiert; da ersteres aktuell ist, letzteres nur potentiell.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl schlechte Dinge in Gottes Wissen sind, als unter diesem Wissen begriffen, sind sie doch nicht in Gott als von Ihm geschaffen oder von Ihm bewahrt oder als ihren Typus in Ihm habend. Sie werden von Gott durch die Typen der guten Dinge erkannt. Daher kann nicht gesagt werden, dass schlechte Dinge Leben in Gott sind. Jene Dinge, die nicht in der Zeit sind, können Leben in Gott genannt werden, insofern Leben nur Verstehen bedeutet, und insofern sie von Gott verstanden werden; aber nicht insofern Leben ein Prinzip der Tätigkeit impliziert.