I, q. 18 a. 2
Ob das Leben eine Tätigkeit ist?
Quaestio 18 · Das Leben Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Leben eine Tätigkeit ist. Denn nichts wird eingeteilt außer in Teile derselben Gattung. Aber das Leben wird durch bestimmte Tätigkeiten eingeteilt, wie aus dem Philosophen hervorgeht (De Anima 2, 13), der vier Arten von Leben unterscheidet, nämlich Ernährung, Empfindung, Ortsbewegung und Verstehen. Also ist das Leben eine Tätigkeit.
Einwand 2: Ferner sagt man, das aktive Leben sei vom kontemplativen verschieden. Aber das kontemplative unterscheidet sich vom aktiven nur durch bestimmte Tätigkeiten. Also ist das Leben eine Tätigkeit.
Einwand 3: Ferner ist Gott zu erkennen eine Tätigkeit. Aber dies ist das Leben, wie aus den Worten von Joh 17,3 hervorgeht: „Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen.“ Also ist das Leben eine Tätigkeit.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Anima 2, 37): „Für die Lebenden ist das Leben das Sein.“
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem Gesagten hervorgeht (Frage 17, Artikel 3), unser Intellekt, der die Wesenheit eines Dinges als seinen eigentlichen Gegenstand erkennt, das Wissen vom Sinn gewinnt, dessen eigentliche Gegenstände die äußeren Akzidenzien sind. Daher gelangen wir von den äußeren Erscheinungen zur Kenntnis der Wesenheit der Dinge. Und weil wir ein Ding gemäß unserer Kenntnis von ihm benennen, wie aus dem bereits Gesagten hervorgeht (Frage 13, Artikel 1), so werden von den äußeren Eigenschaften oft Namen auferlegt, um die Wesenheiten zu bezeichnen. Daher werden solche Namen manchmal strikt genommen, um die Wesenheit selbst zu bezeichnen, deren Bedeutung ihr Hauptgegenstand ist; manchmal aber, und weniger strikt, um die Eigenschaften zu bezeichnen, aufgrund derer sie auferlegt sind. Und so sehen wir, dass das Wort „Körper“ verwendet wird, um eine Gattung von Substanzen zu bezeichnen, aufgrund der Tatsache, dass sie drei Dimensionen besitzen; und manchmal wird es genommen, um die Dimensionen selbst zu bezeichnen; in welchem Sinne der Körper eine Spezies der Quantität genannt wird. Dasselbe muss vom Leben gesagt werden. Der Name wird von einer gewissen äußeren Erscheinung gegeben, nämlich der Selbstbewegung, doch nicht, um präzise dies zu bezeichnen, sondern vielmehr eine Substanz, der die Selbstbewegung und die Anwendung ihrer selbst zu irgendeiner Art von Tätigkeit von Natur aus zukommen. Zu leben ist demnach nichts anderes, als in dieser oder jener Natur zu existieren; und Leben bezeichnet dies, wenn auch abstrakt, so wie das Wort „Laufen“ das „Laufen“ abstrakt bezeichnet.
Daher ist „lebend“ kein akzidentelles, sondern ein essentielles Prädikat. Manchmal jedoch wird Leben weniger eigentlich für die Tätigkeiten verwendet, von denen sein Name genommen ist, und so sagt der Philosoph (Ethik 9, 9), dass zu leben hauptsächlich bedeutet, zu empfinden oder zu verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph nimmt hier „leben“ im Sinne einer Tätigkeit des Lebens. Oder es wäre besser zu sagen, dass Empfindung und Intelligenz und dergleichen manchmal für die Tätigkeiten genommen werden, manchmal für das Sein selbst des Tätigen. Denn er sagt (Ethik 9, 9), dass zu leben bedeutet, zu empfinden oder zu verstehen – mit anderen Worten, eine Natur zu haben, die fähig ist zu empfinden oder zu verstehen. So also unterscheidet er das Leben durch die vier genannten Tätigkeiten. Denn in dieser niederen Welt gibt es vier Arten von lebenden Dingen. Es ist die Natur einiger, zu nichts mehr fähig zu sein als zur Nahrungsaufnahme und, als Folge davon, zum Wachsen und Erzeugen. Andere sind zusätzlich fähig zu empfinden, wie wir es im Falle von Muscheln und anderen Tieren ohne Bewegung sehen. Andere haben die weitere Kraft, sich von Ort zu Ort zu bewegen, wie vollkommene Tiere, wie Vierfüßer und Vögel und so weiter. Andere, wie der Mensch, haben das noch höhere Vermögen des Verstehens.
Antwort auf Einwand 2: Unter vitalen Tätigkeiten werden jene verstanden, deren Prinzipien im Tätigen sind und kraft derer das Tätige solche Tätigkeiten aus sich selbst hervorbringt. Es geschieht, dass im Menschen nicht bloß solche natürlichen Prinzipien gewisser Tätigkeiten existieren, wie es ihre natürlichen Kräfte sind, sondern etwas darüber hinaus, wie Habitus, die sie wie eine zweite Natur zu bestimmten Arten von Tätigkeiten neigen lassen, so dass die Tätigkeiten Quellen der Freude werden. So wird, wie durch eine Ähnlichkeit, jede Art von Werk, an dem ein Mensch Freude hat, so dass seine Neigung darauf gerichtet ist, seine Zeit damit verbracht wird und sein ganzes Leben im Hinblick darauf geordnet ist, das Leben dieses Menschen genannt. Daher sagt man von einigen, sie führten ein Leben der Zügellosigkeit, andere ein Leben der Tugend. Auf diese Weise wird das kontemplative Leben vom aktiven unterschieden, und so wird Gott zu erkennen das ewige Leben genannt.
Woraus die Antwort auf den dritten Einwand klar ist.