I, q. 18 a. 1
Ob das Leben allen natürlichen Dingen zukommt?
Quaestio 18 · Das Leben Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Leben allen natürlichen Dingen zukommt. Denn der Philosoph sagt (Phys. 8, 1), dass „die Bewegung wie eine Art Leben ist, das allen in der Natur existierenden Dingen eigen ist.“ Aber alle natürlichen Dinge haben an der Bewegung teil. Also haben alle natürlichen Dinge Anteil am Leben.
Einwand 2: Ferner sagt man von Pflanzen, dass sie leben, insofern sie in sich selbst ein Prinzip der Bewegung des Wachstums und des Schwindens haben. Aber die Ortsbewegung ist von Natur aus vollkommener und früher als die Bewegung des Wachstums und des Schwindens, wie der Philosoph zeigt (Phys. 8, 56.57). Da also alle natürlichen Körper in sich irgendein Prinzip der Ortsbewegung haben, scheint es, dass alle natürlichen Körper leben.
Einwand 3: Ferner sind unter den natürlichen Körpern die Elemente die unvollkommeneren. Dennoch wird ihnen Leben zugeschrieben, denn wir sprechen von „lebendigem Wasser“. Umso mehr also haben andere natürliche Körper Leben.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. 6, 1), dass „der letzte Nachhall des Lebens in den Pflanzen vernommen wird“, woraus gefolgert wird, dass ihr Leben das Leben im geringsten Grade ist. Aber unbelebte Körper stehen unter den Pflanzen. Also haben sie kein Leben.
Ich antworte darauf, dass wir daraus, welchen Dingen das Leben offenkundig zukommt, entnehmen können, welchen Dingen es an sich zukommt und welchen nicht. Nun kommt das Leben offenkundig den Tieren zu, denn es heißt in De Vegetab. 1 [*De Plantis 1, 1], dass in den Tieren das Leben offenkundig ist. Wir müssen daher die lebenden von den leblosen Dingen unterscheiden, indem wir sie mit dem vergleichen, aufgrund dessen man sagt, dass Tiere leben: und dies ist es, worin sich das Leben zuerst zeigt und worin es zuletzt verbleibt. Wir sagen also, dass ein Tier zu leben beginnt, wenn es anfängt, sich aus sich selbst zu bewegen; und solange eine solche Bewegung in ihm erscheint, so lange wird es als lebendig betrachtet. Wenn es keine Bewegung mehr aus sich selbst hat, sondern nur noch von einer anderen Kraft bewegt wird, dann sagt man, sein Leben schwinde, und das Tier sei tot. Hieraus ist klar, dass jene Dinge im eigentlichen Sinne lebendig genannt werden, die sich selbst durch irgendeine Art von Bewegung bewegen, sei es die Bewegung im eigentlichen Sinne, wie der Akt eines unvollkommenen Wesens, d. h. eines Dinges in Potenz, Bewegung genannt wird; oder Bewegung in einem allgemeineren Sinne, wie wenn man vom Akt eines vollkommenen Dinges spricht, so wie Verstehen und Empfinden Bewegung genannt werden. Demnach werden alle Dinge lebendig genannt, die sich selbst zu einer Bewegung oder Tätigkeit irgendeiner Art bestimmen; wohingegen jene Dinge, die dies ihrer Natur nach nicht können, nicht lebendig genannt werden können, außer durch eine Ähnlichkeit.
Antwort auf Einwand 1: Diese Worte des Philosophen können entweder von der ersten Bewegung verstanden werden, nämlich der der Himmelskörper, oder von der Bewegung im allgemeinen Sinne. In beiden Fällen wird die Bewegung gleichsam als das Leben der natürlichen Körper bezeichnet, indem man durch eine Ähnlichkeit spricht und es ihnen nicht als ihre Eigentümlichkeit zuschreibt. Die Bewegung der Himmel ist im Universum der körperlichen Naturen so wie die Bewegung des Herzens, wodurch das Leben erhalten wird, in den Tieren ist. Ebenso hat auch jede natürliche Bewegung in Bezug auf die natürlichen Dinge eine gewisse Ähnlichkeit mit den Tätigkeiten des Lebens. Wenn also das ganze körperliche Universum ein einziges Tier wäre, so dass seine Bewegung von einer „inneren bewegenden Kraft“ käme, wie einige tatsächlich angenommen haben, in diesem Fall wäre die Bewegung wirklich das Leben aller natürlichen Körper.
Antwort auf Einwand 2: Den Körpern, seien sie schwer oder leicht, kommt Bewegung nicht zu, außer insofern sie aus ihren natürlichen Bedingungen entfernt sind und sich außerhalb ihres eigenen Ortes befinden; denn wenn sie an dem Ort sind, der ihnen eigen und natürlich ist, dann ruhen sie. Pflanzen und andere lebende Dinge bewegen sich mit vitaler Bewegung gemäß der Disposition ihrer Natur, aber nicht, indem sie sich ihr nähern oder sich von ihr entfernen, denn insofern sie von einer solchen Bewegung ablassen, entfernen sie sich von ihrer natürlichen Disposition. Schwere und leichte Körper werden von einer äußeren Kraft bewegt, die sie entweder erzeugt und ihnen die Form gibt oder Hindernisse aus ihrem Weg räumt. Sie bewegen sich daher nicht selbst, wie es lebende Körper tun.
Antwort auf Einwand 3: Wasser werden lebendig genannt, die eine stetige Strömung haben; denn stehende Gewässer, die nicht mit einer stetig fließenden Quelle verbunden sind, werden tot genannt, wie in Zisternen und Teichen. Dies ist lediglich eine Ähnlichkeit, insofern die Bewegung, die sie zu besitzen scheinen, sie aussehen lässt, als wären sie lebendig. Doch ist dies in ihnen kein Leben im eigentlichen Sinne, da diese ihre Bewegung nicht aus ihnen selbst kommt, sondern von der Ursache, die sie erzeugt. Dasselbe gilt für die Bewegung anderer schwerer und leichter Körper.