I, q. 112 a. 2
Ob alle Engel zum Dienst ausgesandt werden?
Quaestio 112 · Die Sendung der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass alle Engel zum Dienst ausgesandt werden. Denn der Apostel sagt (Hebr 1,14): „Sind sie nicht alle dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst?“
Einwand 2: Ferner ist unter den Chören der höchste der der Seraphim, wie oben gesagt wurde (Q. 108, Art. 6). Aber ein Seraph wurde gesandt, um die Lippen des Propheten zu reinigen (Jes 6,6.7). Also werden umso mehr die niederen Chöre gesandt.
Einwand 3: Ferner übertreffen die göttlichen Personen alle Engelschöre unendlich. Aber die göttlichen Personen werden gesandt. Also werden umso mehr auch die höchsten Engel gesandt.
Einwand 4: Ferner, wenn die höheren Engel nicht zu den äußeren Diensten gesandt werden, kann dies nur deshalb sein, weil die höheren Engel die göttlichen Dienste mittels der niederen Engel ausführen. Da aber alle Engel ungleich sind, wie oben gesagt wurde (Q. 50, Art. 4), hat jeder Engel einen Engel unter sich, außer dem letzten. Daher würde nur der letzte Engel zum Dienst gesandt werden; was den Worten widerspricht: „Tausendmal Tausende dienten ihm“ (Dan 7,10).
Dagegen spricht, dass Gregor (Hom. xxxiv in Evang.) unter Berufung auf die Aussage des Dionysius (Coel. Hier. xiii) sagt, dass „die höheren Ränge keinen äußeren Dienst erfüllen.“
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Q. 106, Art. 3; Q. 110, Art. 1), die Ordnung der göttlichen Vorsehung nicht nur unter den Engeln, sondern auch im ganzen Universum so verfügt ist, dass die niederen Dinge durch die höheren verwaltet werden. Durch göttliche Fügung wird jedoch von dieser Ordnung bisweilen in Bezug auf körperliche Dinge abgewichen, um einer höheren Ordnung willen, das heißt, wie es für die Offenbarung der Gnade angemessen ist. Dass der Blindgeborene erleuchtet wurde, dass Lazarus von den Toten auferweckt wurde, geschah unmittelbar durch Gott ohne die Einwirkung der Himmelskörper. Zudem können sowohl gute als auch böse Engel unabhängig von den Himmelskörpern eine Wirkung in diesen Körpern hervorrufen, etwa durch die Verdichtung der Wolken zu Regen und durch das Hervorbringen ähnlicher Effekte. Auch kann niemand bezweifeln, dass Gott den Menschen Dinge unmittelbar ohne die Hilfe der Engel offenbaren kann, und die höheren Engel ohne die niederen. Von diesem Standpunkt aus haben einige gesagt, dass nach dem allgemeinen Gesetz die höheren Engel nicht gesandt werden, sondern nur die niederen; dass jedoch bisweilen, durch göttliche Fügung, auch die höheren Engel gesandt werden.
Man kann auch sagen, dass der Apostel beweisen will, dass Christus größer ist als die Engel, die als Boten des Gesetzes auserwählt waren; damit er die Vorzüglichkeit des neuen über das alte Gesetz zeige. Daher ist es nicht notwendig, dies auf andere Engel anzuwenden als auf jene, die gesandt wurden, um das Gesetz zu geben.
Antwort auf Einwand 2: Nach Dionysius (Coel. Hier. xiii) war der Engel, der gesandt wurde, um die Lippen des Propheten zu reinigen, einer aus dem niederen Chor; er wurde aber „Seraph“, das heißt „der Brennende“, in einem äquivoken Sinne genannt, weil er kam, um die Lippen des Propheten zu „entbrennen“. Man kann auch sagen, dass die höheren Engel ihre eigenen Gaben, nach denen sie benannt sind, durch den Dienst der niederen Engel mitteilen. So wird einer der Seraphim beschrieben, wie er durch Feuer die Lippen des Propheten reinigt, nicht als ob er dies unmittelbar täte, sondern weil ein niederer Engel dies durch seine Kraft tat; wie man sagt, der Papst spreche einen Menschen los, wenn er die Absolution mittels eines anderen erteilt.
Antwort auf Einwand 3: Die göttlichen Personen werden nicht zum Dienst (in ministerium) gesandt, sondern man sagt in einem äquivoken Sinne, dass sie gesandt werden, wie aus dem Gesagten hervorgeht (Q. 43, Art. 1).
Antwort auf Einwand 4: Es gibt eine mannigfaltige Abstufung in den göttlichen Diensten. Daher steht nichts im Wege, dass Engel, obwohl sie ungleich sind, unmittelbar zum Dienst gesandt werden, jedoch in solcher Weise, dass die höheren zu den höheren Diensten und die niederen zu den niederen Diensten gesandt werden.