I, q. 112 a. 1
Ob die Engel zu Dienstleistungen ausgesandt werden?
Quaestio 112 · Die Sendung der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel nicht zu Dienstleistungen ausgesandt werden. Denn jede Sendung geschieht an einen bestimmten Ort. Geistige Handlungen aber bestimmen keinen Ort, denn der Intellekt abstrahiert vom „Hier“ und „Jetzt“. Da also die engelhaften Handlungen geistig sind, scheint es, dass die Engel nicht ausgesandt werden, um ihre Handlungen zu vollziehen.
Einwand 2: Ferner ist der empyreische Himmel der Ort, der der engelhaften Würde ziemt. Wenn sie also zu uns zum Dienst gesandt werden, scheint es, dass etwas von ihrer Würde verloren ginge; was unziemlich ist.
Einwand 3: Ferner hindert äußere Beschäftigung die Betrachtung der Weisheit; daher heißt es: „Wer wenig zu tun hat, wird Weisheit empfangen“ (Sir 38,25). Wenn also einige Engel zu äußeren Dienstleistungen gesandt werden, würden sie anscheinend an der Betrachtung gehindert. Aber ihre ganze Seligkeit besteht in der Betrachtung Gottes. Wenn sie also gesandt würden, würde ihre Seligkeit verringert; was unpassend ist.
Einwand 4: Ferner ist das Dienen Sache eines Untergeordneten; daher steht geschrieben (Lk 22,27): „Wer ist größer, der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist es nicht der, der zu Tisch sitzt?“ Die Engel aber sind von Natur aus größer als wir. Also werden sie nicht ausgesandt, um uns zu dienen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ex 23,20): „Siehe, ich sende meinen Engel, der vor dir hergehe.“
Ich antworte darauf, dass aus dem oben Gesagten (Q. 108, Art. 6) gezeigt werden kann, dass einige Engel von Gott zum Dienst ausgesandt werden. Denn wie wir bereits bei der Behandlung der Sendung der göttlichen Personen (Q. 43, Art. 1) festgestellt haben, wird derjenige als gesandt bezeichnet, der in irgendeiner Weise von einem anderen ausgeht, so dass er beginnt, dort zu sein, wo er nicht war, oder auf eine andere Weise dort zu sein, wo er bereits war. So wird vom Sohn oder vom Heiligen Geist gesagt, dass sie gesandt werden, indem sie vom Vater durch Ursprung ausgehen; und sie beginnen auf eine neue Weise, durch Gnade oder durch die angenommene Natur, dort zu sein, wo sie zuvor durch die Gegenwart ihrer Gottheit waren; denn es kommt Gott zu, überall gegenwärtig zu sein, weil, da Er das universale Wirkprinzip ist, seine Macht alles Seiende erreicht und Er daher in allen Dingen existiert (Q. 8, Art. 1). Die Kraft eines Engels jedoch, als eines partikulären Wirkenden, reicht nicht auf das ganze Universum, sondern reicht auf ein Ding in der Weise, dass sie ein anderes nicht erreicht; und so ist er „hier“ in einer Weise, dass er nicht „dort“ ist. Es ist aber aus dem oben Gesagten (Q. 110, Art. 1) klar, dass das körperliche Geschöpf durch die Engel regiert wird. Daher, wann immer ein Engel irgendein Werk bezüglich eines körperlichen Geschöpfes zu verrichten hat, wendet sich der Engel diesem Körper durch seine Kraft neu zu; und auf diese Weise beginnt er, dort neu zu sein. Dies alles geschieht nun auf göttlichen Befehl. Daher folgt, dass ein Engel von Gott gesandt wird.
Doch die Handlung, die von dem gesandten Engel vollzogen wird, geht von Gott als von ihrem ersten Prinzip aus, auf dessen Wink und durch dessen Autorität die Engel wirken; und sie wird auf Gott als auf ihr letztes Ziel zurückgeführt. Dies nun ist es, was unter einem Diener verstanden wird: denn ein Diener ist ein intelligentes Werkzeug; ein Werkzeug aber wird von einem anderen bewegt, und seine Handlung ist auf einen anderen hingeordnet. Daher werden die Handlungen der Engel „Dienste“ (ministeria) genannt; und aus diesem Grund sagt man, sie seien zum Dienst ausgesandt.
Antwort auf Einwand 1: Eine Operation kann auf zweifache Weise intellektuell sein. Zum einen, indem sie im Intellekt selbst verbleibt, wie die Betrachtung; eine solche Operation verlangt nicht, einen Ort einzunehmen; ja, wie Augustinus sagt (De Trin. iv, 20): „Selbst wir, wenn wir im Geiste etwas Ewiges kosten, sind nicht in dieser Welt.“ In einem anderen Sinne wird eine Handlung intellektuell genannt, weil sie von einem Intellekt geregelt und befohlen wird; in diesem Sinne haben die intellektuellen Operationen offensichtlich bisweilen einen bestimmten Ort.
Antwort auf Einwand 2: Der empyreische Himmel kommt der engelhaften Würde aufgrund der Angemessenheit zu; insofern es angemessen ist, dass der höhere Körper jener Natur zugeschrieben wird, die einen Rang über den Körpern einnimmt. Doch leitet ein Engel seine Würde nicht vom empyreischen Himmel ab; wenn er also aktuell nicht im empyreischen Himmel ist, geht nichts von seiner Würde verloren, wie auch ein König seine Würde nicht verringert, wenn er nicht aktuell auf seinem königlichen Thron sitzt, der seiner Würde entspricht.
Antwort auf Einwand 3: In uns wird die Reinheit der Betrachtung durch äußere Beschäftigung verdunkelt; weil wir uns der Handlung durch die sinnlichen Vermögen hingeben, deren Handlung, wenn sie intensiv ist, die Handlung der intellektuellen Kräfte behindert. Ein Engel hingegen regelt seine äußeren Handlungen allein durch intellektuelle Operation. Daher folgt, dass seine äußeren Beschäftigungen seine Betrachtung in keiner Weise behindern; denn wenn zwei Handlungen gegeben sind, von denen eine die Regel und der Grund der anderen ist, hindert die eine die andere nicht, sondern hilft ihr. Daher sagt Gregor (Moral. ii), dass „die Engel nicht so nach außen gehen, dass sie die Wonnen der inneren Betrachtung verlieren.“
Antwort auf Einwand 4: In ihren äußeren Handlungen dienen die Engel hauptsächlich Gott und sekundär uns; nicht weil wir ihnen überlegen wären, absolut gesprochen, sondern weil jeder Mensch oder Engel, indem er Gott anhängt, ein Geist mit Gott wird und dadurch jedem Geschöpf überlegen ist. Daher sagt der Apostel (Phil 2,3): „Einer achte den anderen höher als sich selbst.“