I, q. 111 a. 1
Ob ein Engel den Menschen erleuchten kann?
Quaestio 111 · Die Einwirkung der Engel auf die Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel den Menschen nicht erleuchten kann. Denn der Mensch wird durch den Glauben erleuchtet; daher schreibt Dionysius (Eccl. Hier. iii) die Erleuchtung der Taufe zu als dem „Sakrament des Glaubens“. Der Glaube aber ist unmittelbar von Gott, gemäß Eph 2,8: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Also wird der Mensch nicht durch einen Engel erleuchtet, sondern unmittelbar durch Gott.
Einwand 2: Ferner bemerkt die Glosse zu den Worten „Gott hat es ihnen offenbart“ (Röm 1,19), dass „nicht nur die natürliche Vernunft zur Offenbarung göttlicher Wahrheiten für die Menschen wirksam war, sondern Gott sie auch durch sein Werk offenbarte“, das heißt, durch sein Geschöpf. Beides aber ist unmittelbar von Gott – nämlich die natürliche Vernunft und das Geschöpf. Also erleuchtet Gott den Menschen unmittelbar.
Einwand 3: Ferner ist sich jeder, der erleuchtet wird, dessen bewusst, dass er erleuchtet wird. Der Mensch ist sich aber nicht bewusst, von Engeln erleuchtet zu werden. Also wird er nicht von ihnen erleuchtet.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. iv), die Offenbarung der göttlichen Dinge gelange zu den Menschen durch den Dienst der Engel. Eine solche Offenbarung ist aber eine Erleuchtung, wie wir dargelegt haben (Quaestio [106], Artikel [1]; Quaestio [107], Artikel [2]). Also werden die Menschen durch die Engel erleuchtet.
Ich antworte darauf, dass, da die Ordnung der göttlichen Vorsehung verfügt, dass die niederen Dinge den Handlungen der höheren unterworfen sind, wie oben erklärt wurde (Quaestio [109], Artikel [2]), so werden die Menschen, die niedriger stehen als die Engel, von diesen erleuchtet, so wie die niederen Engel von den höheren erleuchtet werden.
Die Weisen dieser beiden Arten der Erleuchtung sind in einer Hinsicht gleich und in einer anderen ungleich. Denn wie oben gezeigt wurde (Quaestio [106], Artikel [1]), hat die Erleuchtung, die im Kundmachen der göttlichen Wahrheit besteht, zwei Funktionen: nämlich insofern der niedere Intellekt durch die Einwirkung des höheren Intellekts gestärkt wird, und insofern die erkenntnismäßigen Spezies, die im höheren Intellekt sind, dem niederen dargeboten werden, um dadurch erfasst zu werden. Dies geschieht bei den Engeln, wenn der höhere Engel seinen universalen Begriff der Wahrheit gemäß der Fassungskraft des niederen Engels aufteilt, wie oben erklärt (Quaestio [106], Artikel [1]).
Der menschliche Intellekt jedoch kann die universale Wahrheit selbst nicht unverhüllt erfassen; denn seine Natur erfordert es, dass er durch die Hinwendung zu den Phantasmen versteht, wie oben erklärt (Quaestio [84], Artikel [7]). Daher bieten die Engel den Menschen die intelligible Wahrheit unter den Ähnlichkeiten sinnlicher Dinge dar, gemäß dem, was Dionysius sagt (Coel. Hier. i), dass „es unmöglich ist, dass der göttliche Strahl uns anders erleuchte, als verhüllt durch die Mannigfaltigkeit der heiligen Schleier“. Andererseits wird der menschliche Intellekt als der niedere durch die Einwirkung des engelhaften Intellekts gestärkt. Und auf diese zwei Weisen wird der Mensch durch einen Engel erleuchtet.
Antwort auf Einwand 1: Zwei Dispositionen wirken in der Tugend des Glaubens zusammen; erstens der Habitus des Intellekts, wodurch er disponiert ist, dem Willen zu gehorchen, der zur göttlichen Wahrheit strebt. Denn der Intellekt stimmt der Glaubenswahrheit zu, nicht weil er durch die Vernunft überzeugt wäre, sondern weil er vom Willen dazu befohlen wird; daher sagt Augustinus: „Niemand glaubt, außer er will es.“ In dieser Hinsicht kommt der Glaube von Gott allein. Zweitens erfordert der Glaube, dass das, was zu glauben ist, dem Gläubigen vorgelegt werde; dies wird durch Menschen bewerkstelligt, gemäß Röm 10,17: „Der Glaube kommt vom Hören“; vornehmlich jedoch durch die Engel, durch die göttliche Dinge den Menschen offenbart werden. Daher haben die Engel einen Anteil an der Erleuchtung des Glaubens. Überdies werden die Menschen von den Engeln nicht nur darüber erleuchtet, was zu glauben ist, sondern auch bezüglich dessen, was zu tun ist.
Antwort auf Einwand 2: Die natürliche Vernunft, die unmittelbar von Gott ist, kann durch einen Engel gestärkt werden, wie wir oben gesagt haben. Je mehr ferner der menschliche Intellekt gestärkt wird, eine desto höhere intelligible Wahrheit kann aus den von den Geschöpfen abgeleiteten Spezies erhoben werden. So wird dem Menschen durch einen Engel geholfen, damit er aus den Geschöpfen eine vollkommenere Erkenntnis Gottes erlange.
Antwort auf Einwand 3: Intellektuelle Tätigkeit und Erleuchtung können auf zwei Weisen verstanden werden. Erstens von Seiten des verstandenen Objekts; so weiß jeder, der versteht oder erleuchtet wird, dass er versteht oder erleuchtet wird, weil er weiß, dass ihm das Objekt kundgemacht wird. Zweitens von Seiten des Prinzips; und so folgt nicht, dass jeder, der eine Wahrheit versteht, weiß, was der Intellekt ist, der das Prinzip der intellektuellen Tätigkeit ist. In gleicher Weise weiß nicht jeder, der von einem Engel erleuchtet wird, dass er von ihm erleuchtet wird.