I, q. 111 a. 3
Ob ein Engel die Einbildungskraft des Menschen verändern kann?
Quaestio 111 · Die Einwirkung der Engel auf die Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel die Einbildungskraft des Menschen nicht verändern kann. Denn die Phantasie ist, wie in De Anima iii gesagt wird, „eine Bewegung, die vom Sinn im Akt verursacht wird“. Wenn aber diese Bewegung von einem Engel verursacht würde, wäre sie nicht vom Sinn im Akt verursacht. Also ist es gegen die Natur der Phantasie, welche der Akt des Einbildungsvermögens ist, von einem Engel verändert zu werden.
Einwand 2: Ferner sind die Formen in der Einbildungskraft, da sie geistig sind, edler als die Formen, die in der sinnlichen Materie existieren. Ein Engel kann aber keine Formen der sinnlichen Materie einprägen (Quaestio [110], Artikel [2]). Also kann er keine Formen der Einbildungskraft einprägen, und so kann er sie nicht verändern.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. xii, 12): „Ein Geist kann durch Vermischung mit einem anderen diesem Geist seine Erkenntnis durch diese Bilder mitteilen, so dass letzterer sie entweder selbst versteht oder als vom anderen verstanden annimmt.“ Es scheint aber nicht, dass ein Engel mit der menschlichen Einbildungskraft vermischt werden kann, noch dass die Einbildungskraft die Erkenntnis eines Engels empfangen kann. Also scheint es, dass ein Engel die Einbildungskraft nicht verändern kann.
Einwand 4: Ferner hängt der Mensch in der imaginativen Schau den Ähnlichkeiten der Dinge an wie den Dingen selbst. Darin aber liegt eine Täuschung. Da also ein guter Engel nicht die Ursache von Täuschung sein kann, scheint es, dass er keine imaginative Schau verursachen kann, indem er die Einbildungskraft verändert.
Dagegen spricht, dass jene Dinge, die in Träumen gesehen werden, durch imaginative Schau gesehen werden. Die Engel aber offenbaren Dinge in Träumen, wie aus Mt 1,20; 2,13.19 bezüglich des Engels hervorgeht, der Josef in Träumen erschien. Also kann ein Engel die Einbildungskraft bewegen.
Ich antworte darauf, dass sowohl ein guter als auch ein böser Engel durch ihre eigene natürliche Kraft die menschliche Einbildungskraft bewegen können. Dies kann wie folgt erklärt werden. Denn es wurde oben gesagt (Quaestio [110], Artikel [3]), dass die körperliche Natur dem Engel hinsichtlich der Ortsbewegung gehorcht, so dass alles, was durch die Ortsbewegung von Körpern verursacht werden kann, der natürlichen Kraft der Engel unterworfen ist. Nun ist es offenkundig, dass imaginative Erscheinungen in uns bisweilen durch die Ortsbewegung der Lebensgeister und Säfte verursacht werden. Daher sagt Aristoteles (De Somn. et Vigil.) [*De Insomniis iii.], wenn er die Ursache von Visionen in Träumen angibt, dass „wenn ein Lebewesen schläft, das Blut in Fülle zum sinnlichen Prinzip herabsteigt und Bewegungen mit ihm herabsteigen“, das heißt, die von den Bewegungen hinterlassenen Eindrücke werden in den Lebensgeistern bewahrt „und bewegen das sinnliche Prinzip“; so dass eine gewisse Erscheinung folgt, als ob das sinnliche Prinzip dann von den äußeren Objekten selbst verändert würde. In der Tat kann die Erschütterung der Lebensgeister und Säfte so groß sein, dass solche Erscheinungen sogar bei Wachenden auftreten können, wie man bei Wahnsinnigen und dergleichen sieht. Da dies also durch eine natürliche Störung der Säfte geschieht, und bisweilen auch durch den Willen des Menschen, der sich freiwillig vorstellt, was er zuvor erfahren hat, so kann dasselbe auch durch die Kraft eines guten oder bösen Engels geschehen, manchmal mit Entfremdung von den körperlichen Sinnen, manchmal ohne solche Entfremdung.
Antwort auf Einwand 1: Das erste Prinzip der Einbildungskraft ist vom Sinn im Akt. Denn wir können uns nicht vorstellen, was wir niemals durch die Sinne wahrgenommen haben, weder ganz noch teilweise; wie ein blindgeborener Mensch sich keine Farbe vorstellen kann. Bisweilen jedoch wird die Einbildungskraft auf solche Weise informiert, dass der Akt der imaginativen Bewegung aus den im Inneren bewahrten Eindrücken entsteht.
Antwort auf Einwand 2: Ein Engel verändert die Einbildungskraft, nicht zwar durch die Einprägung einer imaginativen Form, die in keiner Weise zuvor von den Sinnen empfangen wurde (denn er kann einen blindgeborenen Menschen nicht Farbe vorstellen lassen), sondern durch die Ortsbewegung der Lebensgeister und Säfte, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Die Vermischung des engelhaften Geistes mit der menschlichen Einbildungskraft ist keine Vermischung der Wesenheiten, sondern geschieht aufgrund einer Wirkung, die er in der Einbildungskraft auf die oben genannte Weise hervorruft; so dass er dem Menschen zeigt, was er [der Engel] weiß, aber nicht auf die Weise, wie er es weiß.
Antwort auf Einwand 4: Ein Engel, der eine imaginative Schau verursacht, erleuchtet bisweilen gleichzeitig den Intellekt, so dass dieser erkennt, was diese Bilder bedeuten; und dann liegt keine Täuschung vor. Bisweilen aber erscheinen durch die engelhafte Einwirkung nur die Ähnlichkeiten der Dinge in der Einbildungskraft; aber auch dann wird die Täuschung nicht durch den Engel verursacht, sondern durch den Mangel im Intellekt, dem solche Dinge erscheinen. So war auch Christus keine Ursache der Täuschung, als Er viele Dinge in Gleichnissen zum Volk sprach, die Er ihnen nicht erklärte.