I, q. 110 a. 1
Ob das körperliche Geschöpf von den Engeln regiert wird?
Quaestio 110 · Wie die Engel auf die Körper einwirken
Einwand 1: Es scheint, dass das körperliche Geschöpf nicht von Engeln regiert wird. Denn was eine bestimmte Wirkweise besitzt, bedarf keiner Regierung durch eine übergeordnete Macht; denn wir bedürfen der Regierung, damit wir nicht tun, was wir nicht sollen. Die körperlichen Dinge aber haben ihre Handlungen durch die ihnen von Gott verliehene Natur bestimmt. Deshalb bedürfen sie nicht der Regierung durch Engel.
Einwand 2: Ferner werden die untersten Dinge von den höheren regiert. Nun sind aber einige körperliche Dinge niedriger und andere höher. Deshalb bedürfen sie nicht der Regierung durch die Engel.
Einwand 3: Ferner unterscheiden sich die verschiedenen Ordnungen der Engel durch verschiedene Ämter. Wenn aber die körperlichen Geschöpfe von den Engeln regiert würden, gäbe es so viele engelhafte Ämter, wie es Arten von Dingen gibt. So gäbe es auch so viele Ordnungen von Engeln, wie es Arten von Dingen gibt; was dem widerspricht, was oben dargelegt wurde (Frage [108], Artikel [2]). Deshalb wird das körperliche Geschöpf nicht von Engeln regiert.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. iii, 4), dass „alle Körper vom vernünftigen Lebensgeist regiert werden“; und Gregor sagt (Dial. iv, 6), dass „in dieser sichtbaren Welt nichts ohne das Wirken der unsichtbaren Kreatur geschieht.“
Ich antworte darauf, dass es sich allgemein sowohl in menschlichen Angelegenheiten als auch in den natürlichen Dingen findet, dass jede partikulare Macht von einer universalen Macht regiert und geleitet wird; so wie zum Beispiel die Macht des Amtmanns von der Macht des Königs regiert wird. Auch unter den Engeln besitzen, wie oben erklärt (Frage [55], Artikel [3]; Frage [108], Artikel [1]), die höheren Engel, die den niederen vorstehen, eine universalere Erkenntnis. Nun ist es offenkundig, dass die Kraft irgendeines individuellen Körpers partikularer ist als die Kraft irgendeiner geistigen Substanz; denn jede körperliche Form ist eine durch die Materie individuierte und auf das „Hier und Jetzt“ bestimmte Form; wohingegen immaterielle Formen absolut und intelligibel sind. Deshalb werden, wie die niederen Engel, die weniger universale Formen haben, von den höheren regiert werden, so auch alle körperlichen Dinge von den Engeln regiert. Dies wird nicht nur von den heiligen Lehrern dargelegt, sondern auch von allen Philosophen, die die Existenz unkörperlicher Substanzen anerkennen.
Antwort auf Einwand 1: Die körperlichen Dinge haben bestimmte Handlungen; aber sie üben solche Handlungen nur aus, insofern sie bewegt werden; denn es kommt einem Körper zu, nicht zu handeln, außer er wird bewegt. Daher muss ein körperliches Geschöpf von einem geistigen Geschöpf bewegt werden.
Antwort auf Einwand 2: Der angeführte Grund entspricht der Meinung des Aristoteles, der darlegte (Metaph. xi, 8), dass die Himmelskörper von geistigen Substanzen bewegt werden; deren Anzahl er gemäß der Anzahl der in den Himmelskörpern sichtbaren Bewegungen zu bestimmen versuchte. Aber er sagte nicht, dass es irgendwelche geistigen Substanzen gäbe, die eine unmittelbare Herrschaft über die niederen Körper hätten, außer vielleicht die menschlichen Seelen; und dies deshalb, weil er nicht bedachte, dass in den niederen Körpern irgendwelche Wirkungen ausgeübt würden außer den natürlichen, für welche die Bewegung der Himmelskörper ausreichte. Da wir aber behaupten, dass in den niederen Körpern viele Dinge geschehen außer den natürlichen körperlichen Handlungen, für welche die Bewegungen der Himmelskörper nicht ausreichen, müssen wir daher unserer Meinung nach behaupten, dass die Engel einen unmittelbaren Vorsitz nicht nur über die Himmelskörper, sondern auch über die niederen Körper besitzen.
Antwort auf Einwand 3: Die Philosophen haben verschiedene Meinungen über die immateriellen Substanzen vertreten. Denn Plato legte dar, dass immaterielle Substanzen Typen und Arten der sinnlichen Körper seien; und dass einige universaler seien als andere; und so vertrat er die Auffassung, dass immaterielle Substanzen unmittelbar allen sinnlichen Körpern vorstehen, und verschiedene verschiedenen Körpern. Aristoteles aber vertrat die Auffassung, dass immaterielle Substanzen nicht die Arten der sinnlichen Körper sind, sondern etwas Höheres und Universaleres; und so schrieb er ihnen keinen unmittelbaren Vorsitz über einzelne Körper zu, sondern nur über die universalen Wirkursachen, die Himmelskörper. Avicenna folgte einem Mittelweg. Denn er stimmte mit Plato darin überein, dass er annahm, irgendeine geistige Substanz stehe unmittelbar dem Bereich der aktiven und passiven Elemente vor; weil er, wie auch Plato sagte, der Meinung war, dass die Formen dieser sinnlichen Dinge von immateriellen Substanzen abgeleitet sind. Aber er unterschied sich von Plato, weil er annahm, dass nur eine einzige immaterielle Substanz allen niederen Körpern vorstehe, welche er die „aktive Intelligenz“ nannte.
Die heiligen Lehrer vertraten mit den Platonikern die Auffassung, dass verschiedene geistige Substanzen über die körperlichen Dinge gesetzt seien. Denn Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 79): „Jedes sichtbare Ding in dieser Welt hat eine engelhafte Macht, die über es gesetzt ist“; und Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 4): „Der Teufel war eine der engelhaften Mächte, die der irdischen Ordnung vorstanden“; und Origenes sagt zum Text „Als die Eselin den Engel sah“ (Num 22,23), dass „die Welt der Engel bedarf, die den Tieren vorstehen, und der Geburt der Lebewesen, und den Bäumen, und den Pflanzen, und dem Wachstum aller anderen Dinge“ (Hom. xiv in Num.). Der Grund hierfür ist jedoch nicht, dass ein Engel seiner Natur nach geeigneter wäre, Tieren vorzustehen als Pflanzen; denn jeder Engel, selbst der geringste, hat eine höhere und universalere Kraft als jede Art von körperlichen Dingen: Der Grund ist in der Ordnung der göttlichen Weisheit zu suchen, die verschiedene Herrscher über verschiedene Dinge setzt. Auch folgt daraus nicht, dass es mehr als neun Chöre der Engel gibt, weil, wie oben dargelegt (Frage [108], Artikel [2]), die Chöre durch ihre allgemeinen Ämter unterschieden werden. Daher scheinen, wie gemäß Gregor alle Engel, deren eigentliches Amt es ist, den Dämonen vorzustehen, zur Ordnung der „Gewalten“ (Potestates) gehören, so jene Engel zur Ordnung der „Mächte“ (Virtutes) zu gehören, die den rein körperlichen Geschöpfen vorstehen; denn durch ihren Dienst werden bisweilen Wunder gewirkt.