I, q. 110 a. 3
Ob die Körper den Engeln hinsichtlich der Ortsbewegung gehorchen?
Quaestio 110 · Wie die Engel auf die Körper einwirken
Einwand 1: Es scheint, dass die Körper den Engeln nicht in der Ortsbewegung gehorchen. Denn die Ortsbewegung natürlicher Körper folgt aus ihren Formen. Aber die Engel verursachen nicht die Formen natürlicher Körper, wie oben festgestellt (Artikel [2]). Deshalb können sie in ihnen auch keine Ortsbewegung verursachen.
Einwand 2: Ferner beweist der Philosoph (Phys. viii, 7), dass die Ortsbewegung die erste aller Bewegungen ist. Aber die Engel können andere Bewegungen nicht durch eine formale Veränderung der Materie verursachen. Deshalb können sie auch keine Ortsbewegung verursachen.
Einwand 3: Ferner gehorchen die körperlichen Glieder dem Konzept der Seele hinsichtlich der Ortsbewegung, da sie in sich selbst irgendein Lebensprinzip haben. In natürlichen Körpern jedoch gibt es kein Lebensprinzip. Deshalb gehorchen sie den Engeln nicht in der Ortsbewegung.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. iii, 8,9), dass die Engel körperlichen Samen benutzen, um gewisse Wirkungen hervorzubringen. Aber sie können dies nicht tun, ohne eine Ortsbewegung zu verursachen. Deshalb gehorchen ihnen die Körper in der Ortsbewegung.
Ich antworte darauf, dass Dionysius sagt (Div. Nom. vii): „Die göttliche Weisheit hat das Ende der ersten mit dem Anfang der zweiten verbunden.“ Daher ist es klar, dass die niedere Natur an ihrem höchsten Punkt in Verbindung mit der höheren Natur steht. Nun steht die körperliche Natur unter der geistigen Natur. Aber unter allen körperlichen Bewegungen ist die vollkommenste die Ortsbewegung, wie der Philosoph beweist (Phys. viii, 7). Der Grund hierfür ist, dass das, was örtlich bewegt wird, als solches nicht in Potenz zu etwas Innerem ist, sondern nur zu etwas Äußerem – das heißt, zum Ort. Deshalb hat die körperliche Natur eine natürliche Eignung, unmittelbar von der geistigen Natur hinsichtlich des Ortes bewegt zu werden. Daher behaupteten auch die Philosophen, dass die höchsten Körper örtlich von den geistigen Substanzen bewegt werden; woraus wir sehen, dass die Seele den Körper zuerst und hauptsächlich durch eine Ortsbewegung bewegt.
Antwort auf Einwand 1: Es gibt in Körpern andere Ortsbewegungen außer jenen, die aus den Formen resultieren; zum Beispiel folgen Ebbe und Flut des Meeres nicht aus der substanziellen Form des Wassers, sondern aus dem Einfluss des Mondes; und noch viel mehr können Ortsbewegungen aus der Kraft geistiger Substanzen resultieren.
Antwort auf Einwand 2: Die Engel können, indem sie die Ortsbewegung als die erste Bewegung verursachen, dadurch andere Bewegungen verursachen; nämlich indem sie körperliche Wirkursachen anwenden, um diese Wirkungen hervorzubringen, wie ein Handwerker Feuer anwendet, um Eisen weich zu machen.
Antwort auf Einwand 3: Die Kraft eines Engels ist nicht so begrenzt wie die Kraft der Seele. Daher ist die bewegende Kraft der Seele auf den mit ihr vereinten Körper beschränkt, der von ihr belebt wird und durch den sie andere Dinge bewegen kann. Aber die Kraft eines Engels ist nicht auf irgendeinen Körper beschränkt; daher kann er Körper, die nicht mit ihm verbunden sind, örtlich bewegen.