I, q. 11 a. 2
Ob „Eines“ und „Vieles“ einander entgegengesetzt sind?
Quaestio 11 · Die Einheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass „Eines“ und „Vieles“ einander nicht entgegengesetzt sind. Denn kein Gegenteil wird von seinem Gegenteil ausgesagt. Aber jede „Vielheit“ ist auf gewisse Weise „eines“, wie aus dem vorhergehenden Artikel hervorgeht. Also ist das „Eine“ der „Vielheit“ nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner wird kein Gegenteil durch sein Gegenteil konstituiert. Aber die „Vielheit“ wird durch das „Eine“ konstituiert. Also ist es der „Vielheit“ nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner ist das „Eine“ dem „Einen“ entgegengesetzt. Aber der Begriff des „Wenigen“ ist dem „Vielen“ entgegengesetzt. Also ist das „Eine“ dem „Vielen“ nicht entgegengesetzt.
Einwand 4: Ferner, wenn das „Eine“ der „Vielheit“ entgegengesetzt ist, so ist es ihr entgegengesetzt wie das Ungeteilte dem Geteilten; und ist ihr somit entgegengesetzt wie die Beraubung dem Habitus. Dies scheint aber unpassend zu sein; denn es würde folgen, dass das „Eine“ nach der „Vielheit“ kommt und durch sie definiert wird; wohingegen im Gegenteil die „Vielheit“ durch das „Eine“ definiert wird. Daher gäbe es einen Zirkelschluss in der Definition, was unzulässig ist. Also sind „Eines“ und „Vieles“ nicht entgegengesetzt.
Dagegen spricht: Dinge, die dem Begriff nach entgegengesetzt sind, sind selbst einander entgegengesetzt. Aber der Begriff des „Einen“ besteht in der Unteilbarkeit; und der Begriff der „Vielheit“ enthält die Teilung. Also sind „Eines“ und „Vieles“ einander entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass das „Eine“ dem „Vielen“ entgegengesetzt ist, aber auf verschiedene Weisen. Das „Eine“, welches das Prinzip der Zahl ist, ist der „Vielheit“, welche Zahl ist, entgegengesetzt wie das Maß dem Gemessenen. Denn das „Eine“ impliziert den Begriff eines ersten Maßes; und die Zahl ist die durch das „Eine“ gemessene „Vielheit“, wie aus Metaph. X klar ist. Aber das „Eine“, welches mit dem „Seienden“ umkehrbar ist, ist der „Vielheit“ im Wege der Beraubung entgegengesetzt; wie das Ungeteilte dem Geteilten.
Antwort auf Einwand 1: Keine Beraubung nimmt das Sein eines Dinges gänzlich weg, insofern Beraubung „Verneinung im Subjekt“ bedeutet, gemäß dem Philosophen (Categor. viii). Dennoch nimmt jede Beraubung etwas Sein weg; und so hat im Seienden, aufgrund seiner Allgemeinheit, die Beraubung des Seins ihre Grundlage im Seienden; was bei Beraubungen spezieller Formen, wie des Sehens oder der Weiße und dergleichen, nicht der Fall ist. Und was für das Seiende gilt, gilt auch für das Eine und das Gute, die mit dem Seienden umkehrbar sind, denn die Beraubung des Guten gründet in irgendeinem Guten; ebenso gründet die Aufhebung der Einheit in irgendeinem einen Ding. Daher geschieht es, dass die Vielheit irgendein eines Ding ist; und das Übel irgendein gutes Ding, und das Nicht-Seiende irgendeine Art von Seiendem. Dennoch wird das Gegenteil nicht vom Gegenteil ausgesagt; insofern das eine absolut ist und das andere relativ; denn was relatives Seiendes ist (wie eine Möglichkeit), ist absolut Nicht-Seiendes, d.h. der Wirklichkeit nach; oder was absolutes Seiendes in der Gattung der Substanz ist, ist Nicht-Seiendes relativ hinsichtlich irgendeines akzidentellen Seins. In gleicher Weise ist das, was relativ gut ist, absolut schlecht, oder umgekehrt; ebenso ist das, was absolut „eines“ ist, relativ „vieles“, und umgekehrt.
Antwort auf Einwand 2: Ein „Ganzes“ ist zweifach. In einem Sinne ist es homogen, aus gleichen Teilen zusammengesetzt; in einem anderen Sinne ist es heterogen, aus ungleichen Teilen zusammengesetzt. In jedem homogenen Ganzen nun besteht das Ganze aus Teilen, die die Form des Ganzen haben; wie zum Beispiel jeder Teil von Wasser Wasser ist; und so ist die Beschaffenheit eines kontinuierlichen Dinges, das aus seinen Teilen besteht. In jedem heterogenen Ganzen jedoch fehlt jedem Teil die Form, die zum Ganzen gehört; wie zum Beispiel kein Teil eines Hauses ein Haus ist, noch irgendein Teil eines Menschen ein Mensch. Nun ist die Vielheit eine solche Art von Ganzem. Daher, insofern ihr Teil nicht die Form der Vielheit hat, ist letztere aus Einheiten zusammengesetzt, wie ein Haus aus Nicht-Häusern zusammengesetzt ist; nicht freilich so, als ob Einheiten die Vielheit konstituierten, insofern sie ungeteilt sind (auf welche Weise sie der Vielheit entgegengesetzt sind); sondern insofern sie Sein haben, wie auch die Teile eines Hauses das Haus dadurch bilden, dass sie Seiende sind, nicht dadurch, dass sie Nicht-Häuser sind.
Antwort auf Einwand 3: „Vieles“ wird auf zwei Weisen genommen: absolut, und in diesem Sinne ist es dem „Einen“ entgegengesetzt; auf eine andere Weise als Import irgendeines Übermaßes, in welchem Sinne es dem „Wenigen“ entgegengesetzt ist; daher sind im ersten Sinne zwei viele, aber nicht im zweiten Sinne.
Antwort auf Einwand 4: Das „Eine“ ist dem „Vielen“ privativ entgegengesetzt, insofern der Begriff des „Vielen“ Teilung beinhaltet. Daher muss die Teilung vor der Einheit sein, nicht absolut an sich, sondern gemäß unserer Art der Auffassung. Denn wir erfassen einfache Dinge durch zusammengesetzte Dinge; und daher definieren wir einen Punkt als „was keinen Teil hat“ oder „den Anfang einer Linie“. Auch die „Vielheit“ folgt dem Begriff nach auf das „Eine“; weil wir geteilte Dinge nicht so verstehen, dass sie den Begriff der Vielheit vermitteln, außer durch die Tatsache, dass wir jedem Teil Einheit zuschreiben. Daher wird das „Eine“ in die Definition der „Vielheit“ gesetzt; aber die „Vielheit“ wird nicht in die Definition des „Einen“ gesetzt. Aber die Teilung wird verstanden aus der bloßen Verneinung des Seins: so fällt zuerst das Seiende in den Verstand; zweitens, dass dieses Seiende nicht jenes Seiende ist, und so erfassen wir die Teilung als Folge; drittens kommt der Begriff des Einen; viertens der Begriff der Vielheit.