I, q. 11 a. 1
Ob das „Eine“ dem „Seienden“ etwas hinzufügt?
Quaestio 11 · Die Einheit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das „Eine“ dem „Seienden“ etwas hinzufügt. Denn alles, was in einer bestimmten Gattung ist, ist dies durch einen Zusatz zum Seienden, welches alle „Gattungen“ durchdringt. Das „Eine“ aber ist eine bestimmte Gattung, denn es ist das Prinzip der Zahl, welche eine Art der Quantität ist. Also fügt das „Eine“ dem „Seienden“ etwas hinzu.
Einwand 2: Ferner ist das, was ein allen Gemeinsames teilt, ein Zusatz zu diesem. Das „Seiende“ aber wird durch das „Eine“ und durch das „Viele“ geteilt. Also ist das „Eine“ ein Zusatz zum „Seienden“.
Einwand 3: Ferner, wenn das „Eine“ kein Zusatz zum „Seienden“ ist, müssen „Eines“ und „Seiendes“ dieselbe Bedeutung haben. Es wäre aber eine unnütze Wiederholung, das „Seiende“ mit dem Namen „Seiendes“ zu bezeichnen; daher wäre es ebenso unnütz, das Seiende „eines“ zu nennen. Dies ist aber falsch. Also ist das „Eine“ ein Zusatz zum „Seienden“.
Dagegen spricht, was Dionysius sagt (De div. nom. 5, ult.): „Nichts von dem, was existiert, ist nicht auf irgendeine Weise eins“, was falsch wäre, wenn das „Eine“ ein Zusatz zum „Seienden“ wäre im Sinne einer Einschränkung. Also ist das „Eine“ kein Zusatz zum „Seienden“.
Ich antworte darauf, dass das „Eine“ keine Realität zum „Seienden“ hinzufügt, sondern nur die Verneinung der Teilung; denn „Eines“ bedeutet ungeteiltes „Seiendes“. Und genau aus diesem Grund ist das „Eine“ dasselbe wie das „Seiende“. Nun ist jedes Seiende entweder einfach oder zusammengesetzt. Was aber einfach ist, ist ungeteilt, sowohl der Wirklichkeit als auch der Möglichkeit nach. Was hingegen zusammengesetzt ist, hat kein Sein, solange seine Teile getrennt sind, sondern erst, wenn sie es bilden und zusammensetzen. Daher ist es offensichtlich, dass das Sein eines jeden Dinges in der Ungeteiltheit besteht; und daher kommt es, dass jedes Ding seine Einheit bewahrt, wie es sein Sein bewahrt.
Antwort auf Einwand 1: Einige, die meinten, das mit dem „Seienden“ umkehrbare „Eine“ sei dasselbe wie das „Eine“, das Prinzip der Zahl ist, spalteten sich in entgegengesetzte Meinungen. Pythagoras und Platon, die sahen, dass das mit dem „Seienden“ umkehrbare „Eine“ keine Realität zum „Seienden“ hinzufügte, sondern die Substanz des „Seienden“ als ungeteilt bezeichnete, dachten, dass dasselbe für das „Eine“ gelte, welches das Prinzip der Zahl ist. Und weil die Zahl aus Einheiten zusammengesetzt ist, dachten sie, dass Zahlen die Substanzen aller Dinge seien. Avicenna hingegen, der bedachte, dass das „Eine“, welches Prinzip der Zahl ist, eine Realität zur Substanz des „Seienden“ hinzufügt (andernfalls wäre die aus Einheiten bestehende Zahl keine Art der Quantität), dachte, dass das mit dem „Seienden“ umkehrbare „Eine“ eine Realität zur Substanz der Seienden hinzufüge; wie „weiß“ zum „Menschen“. Dies ist jedoch offensichtlich falsch, insofern jedes Ding durch seine Substanz „eines“ ist. Denn wäre ein Ding durch etwas anderes als durch seine Substanz „eines“, und da dieses wiederum „eines“ wäre, und angenommen, es wäre wiederum durch ein anderes Ding „eines“, so würden wir ins Unendliche fortgetrieben. Daher müssen wir an der ersten Aussage festhalten; wir müssen also sagen, dass das „Eine“, welches mit dem „Seienden“ umkehrbar ist, keine Realität zum Sein hinzufügt; dass aber das „Eine“, welches das Prinzip der Zahl ist, eine Realität zum „Seienden“ hinzufügt, die zur Gattung der Quantität gehört.
Antwort auf Einwand 2: Nichts hindert daran, dass ein Ding, das auf eine Weise geteilt ist, auf eine andere Weise ungeteilt ist; wie das, was der Zahl nach geteilt ist, der Art nach ungeteilt sein kann; so kann es sein, dass ein Ding auf eine Weise „eines“ und auf eine andere Weise „vieles“ ist. Wenn es jedoch absolut ungeteilt ist, sei es, weil es so ist gemäß dem, was zu seinem Wesen gehört (obwohl es geteilt sein mag hinsichtlich dessen, was außerhalb seines Wesens liegt, wie das, was im Subjekt eins ist, viele Akzidenzien haben kann), oder weil es der Wirklichkeit nach ungeteilt und der Möglichkeit nach geteilt ist (wie das, was im Ganzen „eines“ und in den Teilen „vieles“ ist); in einem solchen Fall wird ein Ding absolut „eines“ und akzidentell „vieles“ sein. Wenn es andererseits akzidentell ungeteilt und absolut geteilt ist, als ob es im Wesen geteilt und in der Idee oder im Prinzip oder der Ursache ungeteilt wäre, wird es absolut „vieles“ und akzidentell „eines“ sein; wie Dinge, die der Zahl nach „viele“ und der Art nach „eines“ oder im Prinzip „eines“ sind. Daher wird auf diese Weise das Seiende durch „eines“ und durch „vieles“ geteilt; gleichsam durch „eines“ absolut und durch „vieles“ akzidentell. Denn die Vielheit selbst wäre nicht unter dem „Seienden“ enthalten, wenn sie nicht auf irgendeine Weise unter dem „Einen“ enthalten wäre. So sagt Dionysius (De div. nom. cap. ult.), dass „es keine Art von Vielheit gibt, die nicht auf eine Weise eins ist. Was aber in seinen Teilen vieles ist, ist in seinem Ganzen eins; und was in den Akzidenzien vieles ist, ist im Subjekt eins; und was der Zahl nach vieles ist, ist der Art nach eins; und was der Art nach vieles ist, ist der Gattung nach eins; und was in den Hervorgängen vieles ist, ist im Prinzip eins.“
Antwort auf Einwand 3: Es folgt nicht, dass es eine unnütze Wiederholung ist zu sagen, das „Seiende“ sei „eines“; insofern das „Eine“ zum „Seienden“ einen Begriff hinzufügt.