I, q. 106 a. 4
Ob der höhere Engel den niederen hinsichtlich all dessen erleuchtet, was er selbst weiß?
Quaestio 106 · Wie ein Geschöpf ein anderes bewegt
Einwand 1: Es scheint, dass der höhere Engel den niederen nicht über alles erleuchtet, was er selbst weiß. Denn Dionysius sagt (Coel. Hier. xii), dass die höheren Engel eine universalere Erkenntnis haben, die niederen aber eine partikularere und individuellere Erkenntnis. Aber unter einer universalen Erkenntnis ist mehr enthalten als unter einer partikularen Erkenntnis. Also wird nicht alles, was die höheren Engel wissen, von den niederen gewusst, indem diese von jenen erleuchtet werden.
Einwand 2: Ferner sagt der Meister der Sentenzen (ii, D, 11), dass die höheren Engel das Geheimnis der Menschwerdung lange gewusst hatten, während die niederen Engel es nicht wussten, bis es vollbracht war. So finden wir, dass auf die Frage einiger Engel, gleichsam aus Unwissenheit: „Wer ist dieser König der Herrlichkeit?“, andere Engel, die es wussten, antworteten: „Der Herr der Heerscharen, Er ist der König der Herrlichkeit“, wie Dionysius auslegt (Coel. Hier. vii). Dies aber träfe nicht zu, wenn die höheren Engel die niederen über alles erleuchteten, was sie selbst wissen. Also tun sie dies nicht.
Einwand 3: Ferner, wenn die höheren Engel die niederen über alles erleuchteten, was sie wissen, wäre den niederen Engeln nichts unbekannt, was die höheren Engel wissen. Also könnten die höheren Engel den niederen nichts mehr mitteilen; was einwandbehaftet erscheint. Also erleuchten die höheren Engel die niederen in allen Dingen.
Dagegen spricht, dass Gregor [*Petrus Lombardus, Sent. ii, D, ix; vgl. Gregor, Hom. xxxiv, in Ev.] sagt: „In jener himmlischen Heimat wird, obwohl es einige herausragende Gaben gibt, doch nichts individuell besessen.“ Und Dionysius sagt: „Jede himmlische Wesenheit teilt dem Niederen die vom Höheren empfangene Gabe mit“ (Coel. Hier. xv), wie oben zitiert (Artikel [1]).
Ich antworte darauf, dass jedes Geschöpf an der göttlichen Güte teilhat, um das Gute, das es besitzt, an andere auszugießen; denn es gehört zur Natur des Guten, sich anderen mitzuteilen. Daher geben auch körperliche Wirkursachen ihr Abbild an andere weiter, soweit sie können. Je mehr also eine Wirkursache im Anteil an der göttlichen Güte gefestigt ist, desto mehr strebt sie danach, ihre Vollkommenheiten so weit wie möglich auf andere zu übertragen. Daher ermahnt der selige Petrus diejenigen, die durch Gnade an der göttlichen Güte teilhaben, indem er sagt: „Wie jeder die Gnadengabe empfangen hat, so dient damit einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes“ (1 Petr 4,10). Viel mehr also teilen die heiligen Engel, die die Fülle der Teilhabe an der göttlichen Güte genießen, ebendiese denjenigen unter ihnen mit.
Dennoch wird diese Gabe von den niederen Engeln nicht so hervorragend empfangen wie von den höheren; und deshalb verbleiben die höheren immer in einer höheren Ordnung und haben eine vollkommenere Erkenntnis; wie der Meister dieselbe Sache besser versteht als der Schüler, der von ihm lernt.
Antwort auf Einwand 1: Die Erkenntnis der höheren Engel wird als universaler bezeichnet im Hinblick auf die hervorragendere Weise der Erkenntnis.
Antwort auf Einwand 2: Die Worte des Meisters sind nicht so zu verstehen, als ob die niederen Engel das Geheimnis der Menschwerdung gänzlich nicht wussten, sondern dass sie es nicht so vollständig wussten wie die höheren Engel; und dass sie in dessen Erkenntnis später fortschritten, als das Geheimnis vollbracht war.
Antwort auf Einwand 3: Bis zum Tag des Gerichts werden den höchsten Engeln von Gott immer wieder neue Dinge offenbart, betreffend den Lauf der Welt und besonders das Heil der Auserwählten. Daher gibt es immer etwas, das die höheren Engel den niederen bekannt machen können.