I, q. 106 a. 1
Ob ein Engel den anderen erleuchtet?
Quaestio 106 · Wie ein Geschöpf ein anderes bewegt
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel den anderen nicht erleuchtet. Denn die Engel besitzen jetzt dieselbe Seligkeit, die wir zu erlangen hoffen. Aber dann wird ein Mensch den anderen nicht erleuchten, gemäß Jer. 31,34: „Keiner wird mehr seinen Nächsten belehren und keiner seinen Bruder.“ Also erleuchtet auch jetzt kein Engel den anderen.
Einwand 2: Ferner ist das Licht in den Engeln dreifach: das der Natur, der Gnade und der Herrlichkeit. Aber im Licht der Natur wird ein Engel vom Schöpfer erleuchtet; im Licht der Gnade vom Rechtfertiger; im Licht der Herrlichkeit vom Seligmachenden; all dies kommt von Gott. Also erleuchtet ein Engel den anderen nicht.
Einwand 3: Ferner ist Licht eine Form im Geist. Aber der rationale Geist wird „von Gott allein geformt, ohne geschaffene Vermittlung“, wie Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 51). Also erleuchtet ein Engel nicht den Geist eines anderen.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. viii), die „Engel der zweiten Hierarchie werden von den Engeln der ersten Hierarchie gereinigt, erleuchtet und vervollkommnet.“
Ich antworte darauf, dass ein Engel den anderen erleuchtet. Um dies verständlich zu machen, muss man beachten, dass intellektuelles Licht nichts anderes ist als eine Offenbarung der Wahrheit, gemäß Eph. 5,13: „Alles, was offenbar wird, ist Licht.“ Daher bedeutet Erleuchten nichts anderes, als anderen die Offenbarung der erkannten Wahrheit mitzuteilen; gemäß dem Apostel (Eph. 3,8): „Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben ... alle zu erleuchten, damit sie sehen, welches die Anordnung des Geheimnisses sei, das von Ewigkeit her in Gott verborgen war.“ Deshalb sagt man, dass ein Engel den anderen erleuchtet, indem er die Wahrheit, die er selbst erkennt, offenbart. Daher sagt Dionysius (Coel. Hier. vii): „Die Theologen zeigen deutlich, dass die Ordnungen der himmlischen Wesen von den höheren Geistern in der göttlichen Wissenschaft unterwiesen werden.“
Da nun zwei Dinge zur intellektuellen Tätigkeit zusammenkommen, wie wir gesagt haben (Quaestio [105], Artikel [3]), nämlich die Verstandeskraft und das Abbild des verstandenen Dinges, kann ein Engel dem anderen in beiderlei Hinsicht die erkannte Wahrheit mitteilen. Erstens, indem er dessen Verstandeskraft stärkt; denn so wie die Kraft eines unvollkommenen Körpers durch die Nachbarschaft eines vollkommeneren Körpers gestärkt wird – zum Beispiel wird das weniger Heiße durch die Gegenwart dessen, was heißer ist, heißer gemacht –, so wird die Verstandeskraft eines niederen Engels dadurch gestärkt, dass sich der höhere Engel ihm zuwendet: denn bei geistigen Dingen entspricht das Zu-einem-anderen-Wenden der Nachbarschaft bei körperlichen Dingen. Zweitens offenbart ein Engel dem anderen die Wahrheit hinsichtlich des Abbildes des verstandenen Dinges. Denn der höhere Engel empfängt die Erkenntnis der Wahrheit durch eine Art universale Auffassung; um diese zu empfangen, ist der Intellekt des niederen Engels nicht kräftig genug, da es ihm natürlich ist, die Wahrheit auf eine partikularere Weise zu empfangen. Deshalb unterscheidet der höhere Engel in gewisser Weise die Wahrheit, die er universal auffasst, damit sie vom niederen Engel erfasst werden kann; und so legt er sie dessen Erkenntnis vor. So ist es auch bei uns, dass der Lehrer, um sich anderen anzupassen, das Wissen, das er im Allgemeinen besitzt, in viele Punkte unterteilt. Dies drückt Dionysius so aus (Coel. Hier. xv): „Jede intellektuelle Substanz teilt und vervielfältigt mit vorsorgender Kraft die einheitliche Erkenntnis, die ihr von einem, der Gott näher ist, verliehen wurde, um ihre Untergebenen durch Analogie nach oben zu führen.“
Antwort auf Einwand 1: Alle Engel, sowohl die niederen als auch die höheren, schauen das Wesen Gottes unmittelbar, und in dieser Hinsicht lehrt einer den anderen nicht. Von dieser Wahrheit spricht der Prophet; weshalb er hinzufügt: „Sie werden nicht mehr jeder seinen Bruder lehren und sagen: ‚Erkenne den Herrn‘: denn alle werden Mich erkennen, vom Kleinsten unter ihnen bis zum Größten.“ Aber alle Urbilder der göttlichen Werke, die in Gott wie in ihrer Ursache erkannt werden, erkennt Gott in sich selbst, weil Er sich selbst begreift; von den anderen aber, die Gott schauen, erkennt jeder umso mehr Urbilder, je vollkommener er Gott schaut. Daher weiß ein höherer Engel mehr über die Urbilder der göttlichen Werke als ein niederer Engel, und bezüglich dieser erleuchtet jener diesen; und hierzu sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass die Engel „durch die Urbilder der seienden Dinge erleuchtet werden.“
Antwort auf Einwand 2: Ein Engel erleuchtet den anderen nicht, indem er ihm das Licht der Natur, der Gnade oder der Herrlichkeit gibt; sondern indem er dessen natürliches Licht stärkt und ihm die Wahrheit über den Stand der Natur, der Gnade und der Herrlichkeit offenbart, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Der rationale Geist wird unmittelbar von Gott geformt, entweder als das Bild vom Urbild, insofern er allein zum Bilde Gottes geschaffen ist; oder als das Subjekt durch die letzte vervollkommnende Form: denn der geschaffene Geist wird immer als ungeformt betrachtet, wenn er nicht der ersten Wahrheit anhängt; während die anderen Arten der Erleuchtung, die vom Menschen oder Engel ausgehen, gleichsam Dispositionen zu dieser letzten Form sind.