I, q. 104 a. 2
Ob Gott jedes Geschöpf unmittelbar erhält?
Quaestio 104 · Die besonderen Wirkungen der göttlichen Regierung
Einwand 1: Es scheint, dass Gott jedes Geschöpf unmittelbar erhält. Denn Gott erschafft und erhält die Dinge durch dieselbe Handlung, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], ad 4). Aber Gott hat alle Dinge unmittelbar erschaffen. Also erhält Er alle Dinge unmittelbar.
Einwand 2: Ferner ist ein Ding sich selbst näher als einem anderen. Aber es kann einem Geschöpf nicht gegeben werden, sich selbst zu erhalten; viel weniger kann es daher einem Geschöpf gegeben werden, ein anderes zu erhalten. Also erhält Gott alle Dinge ohne irgendeine vermittelnde Ursache, die sie erhält.
Einwand 3: Ferner wird ein Effekt durch die Ursache im Sein erhalten, nicht nur seines „Werdens“, sondern auch seines Seins. Aber alle geschaffenen Ursachen scheinen ihre Effekte nicht zu verursachen außer in ihrem „Werden“, denn sie verursachen nur durch Bewegen, wie oben gesagt wurde (Quaestio [45], Artikel [3]). Daher verursachen sie nicht so, dass sie ihre Effekte im Sein erhalten.
Dagegen spricht, dass ein Ding durch das im Sein erhalten wird, was ihm das Sein gibt. Aber Gott gibt das Sein mittels gewisser mittlerer Ursachen. Also erhält Er die Dinge auch mittels gewisser Ursachen im Sein.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), ein Ding ein anderes auf zwei Arten im Sein erhält; erstens indirekt und per accidens, durch Entfernen oder Hindern der Handlung einer verderbenden Ursache; zweitens direkt und per se, durch die Tatsache, dass von ihm das Sein des anderen abhängt, wie das Sein des Effekts von der Ursache abhängt. Und auf beide Arten erhält ein geschaffenes Ding ein anderes im Sein. Denn es ist klar, dass es selbst in körperlichen Dingen viele Ursachen gibt, die die Handlung verderbender Agentien hindern und aus diesem Grund Konservierungsmittel genannt werden; so wie Salz Fleisch vor Fäulnis bewahrt; und in gleicher Weise bei vielen anderen Dingen. Es geschieht auch, dass ein Effekt hinsichtlich seines Seins von einem Geschöpf abhängt. Denn wenn wir eine Reihe von Ursachen haben, die voneinander abhängen, folgt notwendigerweise, dass, während der Effekt zuerst und prinzipiell von der ersten Ursache abhängt, er auch in sekundärer Weise von allen mittleren Ursachen abhängt. Daher ist die erste Ursache die prinzipielle Ursache der Erhaltung des Effekts, welche den mittleren Ursachen in sekundärer Weise zuzuschreiben ist; und dies umso mehr, als die mittlere Ursache höher und der ersten Ursache näher ist.
Aus diesem Grund wird selbst in körperlichen Dingen die Erhaltung und Fortdauer der Dinge den höheren Ursachen zugeschrieben: so sagt der Philosoph (Metaph. xii, Did. xi, 6), dass die erste, nämlich die tägliche Bewegung, die Ursache der Fortdauer der erzeugten Dinge ist; wohingegen die zweite Bewegung, die vom Tierkreis ist, die Ursache der Verschiedenheit aufgrund von Erzeugung und Verderben ist. In gleicher Weise schreiben die Astrologen dem Saturn, dem höchsten der Planeten, jene Dinge zu, die dauerhaft und fest sind. So schließen wir, dass Gott gewisse Dinge mittels gewisser Ursachen im Sein erhält.
Antwort auf Einwand 1: Gott erschuf alle Dinge unmittelbar, aber in der Schöpfung selbst etablierte Er eine Ordnung unter den Dingen, so dass einige von anderen abhängen, durch die sie im Sein erhalten werden, obwohl Er die prinzipielle Ursache ihrer Erhaltung bleibt.
Antwort auf Einwand 2: Da ein Effekt durch seine eigene Ursache erhalten wird, von der er abhängt; so wie kein Effekt seine eigene Ursache sein kann, sondern nur einen anderen Effekt hervorbringen kann, so kann kein Effekt mit der Kraft der Selbsterhaltung ausgestattet sein, sondern nur mit der Kraft, ein anderes zu erhalten.
Antwort auf Einwand 3: Keine geschaffene Natur kann die Ursache einer anderen sein, was den Erwerb einer neuen Form oder Disposition durch letztere betrifft, außer kraft irgendeiner Veränderung; denn die geschaffene Natur wirkt immer auf etwas Vorausgesetztes. Aber nach dem Verursachen der Form oder Disposition im Effekt, ohne irgendeine neue Veränderung im Effekt, erhält die Ursache jene Form oder Disposition; wie in der Luft, wenn sie neu erleuchtet wird, wir zugestehen müssen, dass eine Veränderung stattgefunden hat, während die Erhaltung des Lichts ohne irgendeine weitere Veränderung in der Luft aufgrund der Anwesenheit der Lichtquelle geschieht.