Göttliches Feuer
Die zweite göttliche Person ist Mensch geworden: Jesus Christus. Deshalb können wir ihn auch als einen Menschen mit menschlichem Angesicht darstellen. Die dritte göttliche Person aber, der Heilige Geist, ist zwar nicht Mensch geworden, doch hat er sich in verschiedenen Symbolgestalten gezeigt, deren bedeutsamste das Feuer ist:
„Als die Tage des Pfingstfestes erfüllt waren, waren alle Jünger beisammen am selben Ort. Und plötzlich erscholl vom Himmel her ein Klang wie von einem daherfahrenden heftigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen geteilte Zungen wie von Feuer, das sich auf jeden von ihnen niederließ. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen in verschiedenen Sprachen zu reden, wie der Heilige Geist ihnen zu reden verlieh.“ (Apg 2, 1-4)
Mehrere Stellen der Heiligen Schrift sprechen vom Feuer als göttlichem Symbol, wie beispielsweise der hl. Apostel Paulus im Brief an die Hebräer, wo er sagt:
„Unser Gott ist verzehrendes Feuer.“ (Hebr 12, 29)
Besonders bemerkenswert ist, dass Jesus im Hinblick auf das Wirken des Heiligen Geistes sagt:
„Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu senden, und was will ich anderes, als dass es brenne?“ (Lk 12, 49)
Das Feuer veranschaulicht die Art und Weise, wie der Heilige Geist wirkt. Deshalb sagt der Katechismus:
„Das Feuer ist Sinnbild des Heiligen Geistes, der, was er erfasst, umwandelt.“ (KKK 696)
Nun stellt sich aber die Frage, was dieses göttliche Feuer für uns bedeutet und inwieweit wir tatsächlich bereit sind, uns davon erfassen zu lassen. Diese tiefgreifende Umwandlung kann nämlich nicht willenlos geschehen, denn Gott zwingt uns nicht. Du kannst nur dann umgewandelt werden, wenn du es selbst willst!
Dabei gehst du kein Risiko ein, denn wenn du dich ihm übergibst, wird der Heilige Geist deine Freiheit nicht mindern, sondern sie erhöhen. Sei dir bewusst, dass das Verwandelt-werden-Wollen unbedingt zum wahren Christsein gehört!
Betrachten wir also einige der natürlichen Eigenschaften des Feuers, durch welche es zum Sinnbild des Heiligen Geistes wird.
Erste Eigenschaft: Das Feuer läutert
Die Heilige Schrift spricht wiederholt vom Gold, das im Feuer geprüft und geläutert wird. Dabei ist daran zu denken, wie das Gold in der Feuersglut geschmolzen und dann von Schlacken und Fremdstoffen gereinigt wird. Das ist ein Bild für die Mühen des Lebens, durch die der Geist Gottes die Menschen prüft.
Dazu sagt der hl. Apostel Petrus:
„Freut euch darüber, auch wenn ihr jetzt, wenn es sein soll, für eine Weile durch mancherlei Anfechtungen bedrückt werdet. Euer Glaube soll dadurch als echt sich erweisen und weit kostbarer als vergängliches, im Feuer geläutertes Gold.“ (1 Petr 1, 6f)
Und im Alten Testament sagt Jesus Sirach:
„Was immer auch über dich kommen mag, nimm es an, und sei geduldig in der Krankheit und in Not! Im Feuer nämlich wird das Gold geprüft, wer Gott gefällt, im Flammenherd der Not. Vertrau auf Gott, er nimmt sich deiner an; und hoff auf ihn, so wird er deine Wege ebnen!“ (Sir 2, 4-6)
Wir wissen, dass wir der Läuterung bedürfen, denn als schwache Menschen sind wir mit dem „Rost der Sünde“ behaftet. Und weil jede noch so kleine Sünde zwischen uns und Gott steht und die Vereinigung mit ihm beeinträchtigt, ist der erste Weg, den wir gehen müssen, um uns Gott zu nahen, der Weg der Läuterung (via purgativa). Willst du also geläutert werden? So wirf dich in dieses Feuer! Dazu bete mit dem hl. Bruder Klaus von Flüe: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir!“
Zweite Eigenschaft: Das Feuer leuchtet
Wie das Licht des Feuers die Dunkelheit besiegt, so will der Heilige Geist die Seelen von der Finsternis der Unwissenheit (ignorantia) befreien, indem er sie mit dem Licht der Wahrheit erleuchtet.
Tragischerweise gibt es Menschen, die die religiöse Unwissenheit gar nicht als Finsternis wahrnehmen. Sie befinden sich völlig im Nebel, wissen weder woher sie kommen noch wohin sie gehen, und der Sinn ihres Lebens liegt ihnen im Dunkeln. Doch statt ihre Blindheit von Gott her erleuchten zu lassen, folgen sie esoterischen Irrlichtern und suchen „Moksha“ in der Finsternis alten Heidentums. Gott allein kann und will die Blindheit unseres Herzens heilen und uns mit Licht durchfluten. Was aber vom göttlichen Feuer erfasst wird, das wird Glut.
Der Blinde vor Jericho (vgl. Lk 18, 35-43) hat das Licht am richtigen Ort gesucht, denn er wandte sich an Jesus und bat: „Herr, dass ich sehe!“ Er aber sprach zu ihm: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“
Aus dem Stufengebet zu Beginn der heiligen Messe ist uns der Flehruf vertraut: „Emitte lucem tuam et veritatem tuam! – Sende aus Dein Licht und Deine Wahrheit!“ (Ps 42, 3 Vulg.) Wäre dieser Vers nicht bestens geeignet als Stoßgebet um den Beistand des Heiligen Geistes? Mit den Worten der Pfingstsequenz beten wir: „Komm, Heiliger Geist, und sende vom Himmel her einen Strahl Deines Lichtes!“ Erfülle unser Innerstes, und was immer in uns unerleuchtet ist, das mache hell durch Dein Kommen!
Dritte Eigenschaft: Das Feuer wärmt
Es ist ganz und gar unmöglich, vom Heiligen Geist erfüllt und dabei zugleich seelisch kalt zu sein, denn bei ihm ist es wie mit der Sonne, die, sobald sie aufgeht, Wärme spendet (vgl. Sir 43, 2). Herzenskälte jedoch geht stets einher mit einem Mangel an Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Weil wir aber in der Schwachheit der menschlichen Natur von Abkühlung und Lauheit bedroht sind, beten wir mit den Worten der Pfingstsequenz: „Fove quod est frigidum! – Wärme, was erkaltet ist!“ Wie herrlich es ist, wenn eine Seele sich vorbehaltlos dem Heiligen Geist hingibt, damit er sie mit göttlicher Liebe erwärme und sie sich mit Herzlichkeit, Anteilnahme, Sanftmut und jeder Art von Tugend füllt. Das wird ganz deutlich an den Heiligen!
Vierte Eigenschaft: Das Feuer brennt den Ton
Schließlich betrachten wir die Wirkweise des göttlichen Feuers im Bild vom Töpfer und vom Ton. Ein aus Lehm geformtes Gefäß muss nämlich gebrannt werden, denn erst im Feuer erhält es Festigkeit und wird haltbar.
Und woraus wurde der Mensch erschaffen? Nicht umsonst streut die Kirche den Nachkommen des aus Erde geformten Adam zu Beginn der Fastenzeit geweihte Asche aufs Haupt und spricht: „Memento, homo, quia pulvis es ... ! – Gedenke, Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub kehrst du zurück!“
Wir machen an uns selbst die Erfahrung von Schwachheit und Verwundbarkeit. Deshalb ruft die Kirche mit gutem Grund den Heiligen Geist mit seinem pfingstlichen Feuer auf alle Gläubigen herab, denn wie anders soll der irdene Mensch Festigkeit finden, als wenn er vom Heiligen Geist gebrannt wird? Genau das ist der Weg, auf dem ein galiläischer Fischer zum petrinischen Felsen wurde (vgl. Mt 16, 18), und nichts anderes sind die Heiligen, als im Feuer des Heiligen Geistes gebrannte Menschen.
Lassen auch wir uns in diesem Feuer brennen!
