III, q. 61 a. 2
Ob vor der Sünde Sakramente für den Menschen notwendig waren?
Quaestio 61 · Von der Notwendigkeit der Sakramente
Einwand 1: Es scheint, dass vor der Sünde Sakramente für den Menschen notwendig waren. Denn wie oben gesagt wurde (Artikel 1, zu 2), bedarf der Mensch der Sakramente, um die Gnade zu erlangen. Der Mensch bedurfte aber der Gnade auch im Stand der Unschuld, wie wir im ersten Teil (Quaestio 95, Artikel 4; vgl. I-II, Quaestio 109, Artikel 2; I-II, Quaestio 114, Artikel 2) dargelegt haben. Also waren Sakramente auch in jenem Zustand notwendig.
Einwand 2: Ferner sind die Sakramente dem Menschen aufgrund der Bedingungen der menschlichen Natur angemessen, wie oben gesagt wurde (Artikel 1). Die Natur des Menschen ist aber vor und nach der Sünde dieselbe. Also scheint es, dass der Mensch vor der Sünde der Sakramente bedurfte.
Einwand 3: Ferner ist die Ehe ein Sakrament, gemäß Eph 5,32: „Dies ist ein großes Sakrament; ich sage aber: im Hinblick auf Christus und die Kirche.“ Die Ehe wurde aber vor der Sünde eingesetzt, wie aus Gen 2 ersichtlich ist. Also waren Sakramente für den Menschen vor der Sünde notwendig.
Dagegen spricht: Nur die Kranken bedürfen der Heilmittel, gemäß Mt 9,12: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes.“ Die Sakramente aber sind geistige Heilmittel zur Heilung der durch die Sünde geschlagenen Wunden. Also waren sie vor der Sünde nicht notwendig.
Ich antworte darauf, dass Sakramente im Stand der Unschuld nicht notwendig waren. Dies lässt sich aus der richtigen Ordnung jenes Standes beweisen, in welchem das Höhere (im Menschen) das Niedere beherrschte und keineswegs von ihm abhing: Denn so wie der Geist Gott unterworfen war, so waren die niederen Kräfte der Seele dem Geist unterworfen und der Körper der Seele. Und es würde dieser Ordnung widersprechen, wenn die Seele entweder in der Erkenntnis oder in der Gnade durch etwas Körperliches vervollkommnet würde; was aber in den Sakramenten geschieht. Daher bedurfte der Mensch im Stand der Unschuld keiner Sakramente, weder als Heilmittel gegen die Sünde noch als Mittel zur Vervollkommnung der Seele.
Antwort auf Einwand 1: Im Stand der Unschuld bedurfte der Mensch der Gnade: jedoch nicht so, dass er die Gnade mittels sinnlicher Zeichen erlangen musste, sondern auf geistige und unsichtbare Weise.
Antwort auf Einwand 2: Die Natur des Menschen ist vor und nach der Sünde dieselbe, aber der Zustand seiner Natur ist nicht derselbe. Denn nach der Sünde bedarf die Seele, selbst in ihrem höheren Teil, des Empfangs von etwas aus den körperlichen Dingen, um vervollkommnet zu werden; wohingegen der Mensch in jenem (ursprünglichen) Zustand dessen nicht bedurfte.
Antwort auf Einwand 3: Die Ehe wurde im Stand der Unschuld eingesetzt, nicht als Sakrament, sondern als eine Funktion der Natur. Infolgedessen jedoch bildete sie etwas im Hinblick auf Christus und die Kirche vor: so wie auch alles andere Christus vorbildete.