III, q. 61 a. 1
Ob die Sakramente zum Heil des Menschen notwendig sind?
Quaestio 61 · Von der Notwendigkeit der Sakramente
Einwand 1: Es scheint, dass die Sakramente zum Heil des Menschen nicht notwendig sind. Denn der Apostel sagt (1 Tim 4,8): „Die leibliche Übung ist zu wenig nütze.“ Der Gebrauch der Sakramente aber gehört zur leiblichen Übung; denn die Sakramente werden vollzogen in der Bezeichnung durch sinnlich wahrnehmbare Dinge und Worte, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 60, Artikel 6). Also sind die Sakramente für das Heil des Menschen nicht notwendig.
Einwand 2: Ferner wurde dem Apostel gesagt (2 Kor 12,9): „Meine Gnade genügt dir.“ Sie würde aber nicht genügen, wenn die Sakramente zum Heil notwendig wären. Also sind die Sakramente zum Heil des Menschen nicht notwendig.
Einwand 3: Ferner, wenn eine hinreichende Ursache gegeben ist, scheint nichts Weiteres für die Wirkung erforderlich zu sein. Das Leiden Christi aber ist die hinreichende Ursache unseres Heils; denn der Apostel sagt (Röm 5,10): „Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, werden wir erst recht, da wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.“ Also sind die Sakramente zum Heil des Menschen nicht notwendig.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (Contra Faust. xix): „In keinen Namen einer Religion, sei sie wahr oder falsch, können Menschen versammelt werden, wenn sie nicht durch irgendeine Gemeinschaft von sichtbaren Zeichen oder Sakramenten gebunden sind.“ Es ist aber für das Heil notwendig, dass die Menschen im Namen der einen wahren Religion vereint werden. Also sind die Sakramente zum Heil des Menschen notwendig.
Ich antworte darauf, dass die Sakramente aus drei Gründen zum Heil des Menschen notwendig sind. Der erste Grund ergibt sich aus der Bedingung der menschlichen Natur, die so beschaffen ist, dass sie durch körperliche und sinnliche Dinge zu den geistigen und intelligiblen Dingen geführt werden muss. Es gehört aber zur göttlichen Vorsehung, für jedes Wesen so zu sorgen, wie es seine Bedingung erfordert. Daher stellt die göttliche Weisheit dem Menschen in angemessener Weise Hilfsmittel zum Heil zur Verfügung, und zwar in Form von körperlichen und sinnlichen Zeichen, die Sakramente genannt werden.
Der zweite Grund ergibt sich aus dem Zustand des Menschen, der sich durch die Sünde in seinen Neigungen den körperlichen Dingen unterworfen hat. Das Heilmittel aber muss dem Menschen so gegeben werden, dass es den von der Krankheit betroffenen Teil erreicht. Folglich war es angemessen, dass Gott dem Menschen eine geistige Medizin mittels gewisser körperlicher Zeichen bereitstellte; denn wenn dem Menschen geistige Dinge ohne Hülle angeboten würden, wäre sein Geist, da er von der materiellen Welt eingenommen ist, nicht fähig, sich ihnen zuzuwenden.
Der dritte Grund ergibt sich aus der Tatsache, dass der Mensch dazu neigt, seine Tätigkeit vorwiegend auf materielle Dinge zu richten. Damit es also für den Menschen nicht zu schwer sei, gänzlich von körperlichen Handlungen abgezogen zu werden, wurde ihm in den Sakramenten eine körperliche Übung angeboten, durch die er geschult werden möge, abergläubische Praktiken, die in der Verehrung von Dämonen bestehen, sowie jede Art schädlicher Handlung, die in sündigen Taten besteht, zu meiden.
Daraus folgt also, dass der Mensch durch die Einsetzung der Sakramente seiner Natur entsprechend durch sinnliche Dinge unterwiesen wird; er wird gedemütigt, indem er bekennt, dass er den körperlichen Dingen unterworfen ist, da er durch sie Hilfe empfängt; und er wird sogar vor körperlichem Schaden bewahrt durch die heilsame Übung der Sakramente.
Antwort auf Einwand 1: Die leibliche Übung als solche ist nicht sehr nützlich; aber die Übung, die im Gebrauch der Sakramente besteht, ist nicht bloß körperlich, sondern in gewissem Maße geistig, nämlich in ihrer Bedeutung und in ihrer Kausalität.
Antwort auf Einwand 2: Gottes Gnade ist eine hinreichende Ursache für das Heil des Menschen. Aber Gott gibt dem Menschen die Gnade in einer Weise, die ihm angemessen ist. Daher kommt es, dass der Mensch der Sakramente bedarf, um die Gnade zu erlangen.
Antwort auf Einwand 3: Das Leiden Christi ist eine hinreichende Ursache für das Heil des Menschen. Aber daraus folgt nicht, dass die Sakramente für diesen Zweck nicht auch notwendig sind: denn sie erlangen ihre Wirkung durch die Kraft des Leidens Christi; und das Leiden Christi wird sozusagen durch die Sakramente auf den Menschen angewandt, gemäß dem Wort des Apostels (Röm 6,3): „Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft.“