III, q. 40 a. 2
Ob es sich geziemte, dass Christus in dieser Welt ein strenges Leben führte?
Quaestio 40 · Vom Lebenswandel Christi
Einwand 1: Es scheint, dass es sich geziemte, dass Christus in dieser Welt ein strenges Leben führte. Denn Christus predigte die Vollkommenheit des Lebens viel mehr als Johannes. Johannes aber führte ein strenges Leben, um die Menschen durch sein Beispiel zu bewegen, ein vollkommenes Leben zu ergreifen; denn es steht geschrieben (Mt 3,4), dass „Johannes ein Gewand aus Kamelhaaren trug und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; und seine Speise waren Heuschrecken und wilder Honig“; worüber Chrysostomus wie folgt kommentiert (Hom. x): „Es war eine wunderbare und seltsame Sache, eine solche Strenge in einer menschlichen Gestalt zu sehen; was auch die Juden besonders anzog.“ Daher scheint es, dass ein strenges Leben für Christus viel angemessener gewesen wäre.
Einwand 2: Ferner ist die Enthaltsamkeit auf die Keuschheit hingeordnet; denn es steht geschrieben (Hosea 4,10): „Sie werden essen und nicht satt werden; sie haben Unzucht getrieben und nicht aufgehört.“ Christus aber bewahrte sowohl selbst die Keuschheit als auch schlug er sie anderen zur Beobachtung vor, als er sagte (Mt 19,12): „Es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen: Wer es fassen kann, der fasse es.“ Daher scheint es, dass Christus sowohl an sich selbst als auch bei seinen Jüngern ein strenges Leben hätte beobachten sollen.
Einwand 3: Ferner scheint es absurd, dass ein Mensch eine strengere Lebensform beginnt und zu einer leichteren zurückkehrt; denn man könnte ihm zu seinem Nachteil das vorhalten, was in Lk 14,30 geschrieben steht: „Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und konnte es nicht zu Ende führen.“ Nun begann Christus nach seiner Taufe ein sehr strenges Leben, indem er in der Wüste blieb und „vierzig Tage und vierzig Nächte“ fastete. Daher scheint es unziemlich, dass er nach einem so strengen Leben zur gewöhnlichen Lebensweise zurückkehrte.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Mt 11,19): „Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt.“
Ich antworte darauf, dass es, wie oben gesagt (Artikel [1]), dem Zweck der Menschwerdung entsprach, dass Christus kein einsames Leben führte, sondern mit den Menschen verkehrte. Nun ist es höchst angemessen, dass derjenige, der mit anderen verkehrt, sich ihrer Lebensweise anpasst; gemäß den Worten des Apostels (1 Kor 9,22): „Ich bin allen alles geworden.“ Und deshalb war es höchst angemessen, dass Christus sich in Bezug auf Essen und Trinken den anderen anpasste. Daher sagt Augustinus (Contra Faust. xvi), dass „Johannes als ‚weder essend noch trinkend‘ beschrieben wird, weil er nicht die gleiche Speise wie die Juden zu sich nahm. Wenn also unser Herr sie nicht zu sich genommen hätte, würde man von ihm nicht im Gegensatz dazu sagen: ‚er isst und trinkt‘.“
Antwort auf Einwand 1: In seiner Lebensweise gab unser Herr ein Beispiel der Vollkommenheit in all jenen Dingen, die sich an sich auf das Heil beziehen. Nun bezieht sich die Enthaltsamkeit im Essen und Trinken nicht an sich auf das Heil, gemäß Röm 14,17: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken.“ Und Augustinus (De Qq. Evang. ii, qu. 11) erklärt Mt 11,19, „Die Weisheit ist gerechtfertigt durch ihre Kinder“, indem er sagt, dies sei so, weil die heiligen Apostel „verstanden, dass das Reich Gottes nicht in Essen und Trinken besteht, sondern darin, Mangel mit Gleichmut zu ertragen“, denn sie werden weder durch Überfluss überhoben noch durch Mangel bedrückt. Wiederum sagt er (De Doctr. Christ. iii), dass in all solchen Dingen „nicht der Gebrauch, sondern die Zügellosigkeit des Benutzers sündhaft ist.“ Nun sind beide Lebensweisen erlaubt und lobenswert – nämlich, dass ein Mensch sich aus der Gesellschaft anderer Menschen zurückzieht und Enthaltsamkeit übt; und dass er mit anderen Menschen verkehrt und wie sie lebt. Und deshalb wollte unser Herr den Menschen ein Beispiel für beide Arten des Lebens geben.
Was Johannes betrifft, so sagt Chrysostomus (Hom. xxxvii super Matth.): „Er zeigte nicht mehr als sein Leben und seinen gerechten Wandel ... Christus aber hatte auch das Zeugnis der Wunder. Indem er also Johannes überließ, durch sein Fasten zu glänzen, ging er selbst den entgegengesetzten Weg, indem er zu den Tischen der Zöllner kam und aß und trank.“
Antwort auf Einwand 2: So wie andere Menschen durch Enthaltsamkeit die Kraft der Selbstbeherrschung erwerben, so unterwarf Christus in sich selbst und in denen, die sein sind, das Fleisch durch die Kraft seiner Gottheit. Weshalb wir in Mt 9,14 lesen, dass die Pharisäer und die Jünger des Johannes fasteten, nicht aber die Jünger Christi. Hierzu bemerkt Beda: „Johannes trank weder Wein noch starkes Getränk, weil Enthaltsamkeit verdienstvoll ist, wo die Natur schwach ist. Aber warum sollte unser Herr, dem es von Natur aus zusteht, Sünden zu vergeben, jene meiden, die er heiliger machen konnte als solche, die sich enthalten?“
Antwort auf Einwand 3: Wie Chrysostomus sagt (Hom. xiii super Matth.): „Damit du lernst, welch großes Gut das Fasten ist und wie es ein Schild gegen den Teufel ist, und dass du dich nach der Taufe nicht dem Luxus, sondern dem Fasten hingeben sollst – aus diesem Grund fastete er, nicht weil er es selbst nötig hatte, sondern um uns zu lehren ... Und deshalb ging er nicht weiter als Mose und Elias, damit seine Annahme unseres Fleisches nicht unglaubwürdig erschiene.“ Der mystische Sinn ist, wie Gregor sagt (Hom. xvi in Evang.), dass durch Christi Beispiel die Zahl „vierzig“ in seinem Fasten beobachtet wird, weil die Kraft des „Dekalogs durch die vier Bücher des Heiligen Evangeliums erfüllt wird: da zehn multipliziert mit vier vierzig ergibt.“ Oder weil „wir in diesem sterblichen Leib leben, der aus den vier Elementen besteht, und durch seine Begierden die Gebote des Herrn übertreten, die im Dekalog ausgedrückt sind.“ Oder gemäß Augustinus (Quaest. lxxxiii, qu. 81): „Den Schöpfer und das Geschöpf zu erkennen, ist die gesamte Lehre der Weisheit. Der Schöpfer ist die Dreifaltigkeit, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Das Geschöpf nun ist teils unsichtbar, wie die Seele, der die Zahl drei zugeschrieben werden kann, denn uns ist geboten, Gott auf dreifache Weise zu lieben, ‚mit unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele und unserem ganzen Gemüt‘; und teils sichtbar, wie der Körper, auf den die Zahl vier anwendbar ist, weil er Hitze, Feuchtigkeit, Kälte und Trockenheit unterworfen ist. Wenn wir also zehn, was auf das gesamte Sittengesetz bezogen werden kann, mit vier multiplizieren, welche Zahl auf den Körper angewendet werden kann, weil es der Körper ist, der das Gesetz ausführt, ist das Produkt die Zahl vierzig: worin“ folglich „die Zeit dargestellt wird, in der wir seufzen und trauern.“ Und doch lag kein Widerspruch darin, dass Christus zur gewöhnlichen Lebensweise zurückkehrte, nachdem er gefastet hatte und (in die) Wüste (gegangen war). Denn es geziemt jener Art von Leben, von der wir annehmen, dass Christus sie ergriffen hat, worin ein Mensch anderen die Früchte seiner Betrachtung weitergibt, dass er sich zuerst der Betrachtung widmet und dass er danach zur Öffentlichkeit des tätigen Lebens herabsteigt, indem er mit anderen Menschen verkehrt. Daher sagt Beda zu Mk 2,18: „Christus fastete, damit du dem Gebot nicht ungehorsam seist; er aß mit Sündern, damit du seine Heiligkeit erkennst und seine Macht anerkennst.“