III, q. 33 a. 4
Ob die Empfängnis Christi natürlich war?
Quaestio 33 · Von der Art und Ordnung der Empfängnis Christi
Einwand 1: Es scheint, dass die Empfängnis Christi natürlich war. Denn Christus wird Menschensohn genannt aufgrund seiner Empfängnis im Fleisch. Aber er ist ein wahrer und natürlicher Menschensohn: wie er auch der wahre und natürliche Sohn Gottes ist. Daher war seine Empfängnis natürlich.
Einwand 2: Ferner kann kein Geschöpf Ursache einer wunderbaren Wirkung sein. Aber die Empfängnis Christi wird der seligen Jungfrau zugeschrieben, die ein bloßes Geschöpf ist: denn wir sagen, dass die Jungfrau Christus empfing. Daher scheint es, dass seine Empfängnis nicht wunderbar, sondern natürlich war.
Einwand 3: Ferner genügt es, damit eine Umwandlung natürlich ist, dass das passive Prinzip natürlich ist, wie oben dargelegt (Frage [32], Artikel [4]). Aber in der Empfängnis Christi war das passive Prinzip auf Seiten seiner Mutter natürlich, wie wir gezeigt haben (Frage [32], Artikel [4]). Daher war die Empfängnis Christi natürlich.
Dagegen spricht, was Dionysius sagt (Ep. ad Caium Monach.): „Christus tut auf übermenschliche Weise jene Dinge, die zum Menschen gehören: dies zeigt sich in der wunderbaren jungfräulichen Empfängnis.“
Ich antworte darauf, dass Ambrosius sagt (De Incarn. vi): „In diesem Geheimnis wirst du viele Dinge finden, die natürlich sind, und viele, die übernatürlich sind.“ Denn wenn wir in dieser Empfängnis irgendetwas betrachten, das mit ihrer Materie zusammenhängt, die von der Mutter geliefert wurde, so war es in all diesen Dingen natürlich. Wenn wir es aber von Seiten der aktiven Kraft betrachten, so war es gänzlich wunderbar. Und da das Urteil über eine Sache eher hinsichtlich ihrer Form als ihrer Materie gefällt werden sollte, und ebenso eher hinsichtlich ihrer Aktivität als ihrer Passivität: deshalb ist die Empfängnis Christi schlechthin als wunderbar und übernatürlich zu bezeichnen, obwohl sie in gewisser Hinsicht natürlich war.
Antwort auf Einwand 1: Christus wird ein natürlicher Menschensohn genannt, weil er eine wahre menschliche Natur hat, durch die er ein Menschensohn ist, obwohl er sie auf wunderbare Weise hatte; so sieht auch der Blinde, dem das Augenlicht wiedergegeben wurde, natürlich durch das wunderbar empfangene Augenlicht.
Antwort auf Einwand 2: Die Empfängnis wird der seligen Jungfrau zugeschrieben, nicht als dem aktiven Prinzip derselben, sondern weil sie die Materie lieferte und weil die Empfängnis in ihrem Schoß stattfand.
Antwort auf Einwand 3: Ein natürliches passives Prinzip genügt, damit eine Umwandlung natürlich ist, wenn es von seinem eigenen aktiven Prinzip auf natürliche und gewohnte Weise bewegt wird. Dies ist aber im vorliegenden Fall nicht so. Daher kann diese Empfängnis nicht schlechthin natürlich genannt werden.