III, q. 30 a. 2
Ob die Verkündigung durch einen Engel an die selige Jungfrau geschehen sollte?
Quaestio 30 · Von der Verkündigung der seligen Jungfrau
Einwand 1: Es scheint, dass die Verkündigung an unsere selige Frau nicht durch einen Engel hätte geschehen sollen. Denn Offenbarungen an die höchsten Engel geschehen unmittelbar durch Gott, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. vii). Die Mutter Gottes aber ist über alle Engel erhaben. Daher scheint es, dass das Geheimnis der Menschwerdung ihr unmittelbar von Gott und nicht durch einen Engel hätte angekündigt werden sollen.
Einwand 2: Ferner, wenn in dieser Angelegenheit die allgemeine Ordnung gewahrt werden sollte, nach der göttliche Dinge den Menschen durch Engel angekündigt werden, so werden in gleicher Weise göttliche Dinge einer Frau durch einen Mann angekündigt: weshalb der Apostel sagt (1 Kor 14,34.35): „Die Frauen sollen in den Versammlungen schweigen... Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen.“ Daher scheint es, dass das Geheimnis der Menschwerdung der seligen Jungfrau durch einen Mann hätte angekündigt werden sollen: besonders da Josef, ihr Mann, darüber von einem Engel unterrichtet wurde, wie berichtet wird (Mt 1,20.21).
Einwand 3: Ferner kann niemand geziemend verkünden, was er nicht weiß. Die höchsten Engel aber wussten das Geheimnis der Menschwerdung nicht vollständig: weshalb Dionysius sagt (Coel. Hier. vii), dass die Frage: „Wer ist dieser, der von Edom kommt?“ (Jes 63,1) so zu verstehen ist, als sei sie von ihnen gestellt worden. Daher scheint es, dass die Ankündigung der Menschwerdung von keinem Engel geziemend gemacht werden konnte.
Einwand 4: Ferner sollten größere Dinge durch Boten von größerer Würde angekündigt werden. Das Geheimnis der Menschwerdung ist aber das größte aller Dinge, die den Menschen von Engeln angekündigt wurden. Es scheint daher, wenn es überhaupt von einem Engel angekündigt werden sollte, dass dies durch einen Engel der höchsten Ordnung hätte geschehen müssen. Gabriel aber ist nicht von der höchsten Ordnung, sondern von der Ordnung der Erzengel, welche die vorletzte ist: weshalb die Kirche singt: „Wir wissen, dass der Erzengel Gabriel dir eine Botschaft von Gott brachte“ [*Fest der Darstellung des Herrn, Resp. Brev. O.P.]. Daher wurde diese Ankündigung nicht geziemend durch den Erzengel Gabriel gemacht.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Lk 1,26): „Der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt“, usw.
Ich antworte darauf, dass es aus drei Gründen angemessen war, dass das Geheimnis der Menschwerdung der Mutter Gottes durch einen Engel angekündigt wurde. Erstens, damit auch hierin die von Gott festgesetzte Ordnung gewahrt bleibe, nach welcher göttliche Dinge durch Vermittlung der Engel zu den Menschen gebracht werden. Weshalb Dionysius sagt (Coel. Hier. iv), dass „die Engel als erste das göttliche Geheimnis der Menschenliebe Jesu gelehrt wurden: danach wurde die Gnade der Erkenntnis uns durch sie mitgeteilt. So also tat der göttlichste Gabriel dem Zacharias kund, dass ihm ein Prophet als Sohn geboren würde; und der Maria, wie das göttliche Geheimnis der unaussprechlichen Empfängnis Gottes in ihr verwirklicht würde.“
Zweitens war dies angemessen für die Wiederherstellung der menschlichen Natur, die durch Christus bewirkt werden sollte. Weshalb Beda in einer Homilie sagt (in Annunt.): „Es war ein passender Anfang der Wiederherstellung des Menschen, dass ein Engel von Gott zu der Jungfrau gesandt wurde, die durch die göttliche Geburt geheiligt werden sollte: da die erste Ursache des Verderbens des Menschen dadurch geschah, dass die Schlange vom Teufel gesandt wurde, um die Frau durch den Geist des Stolzes zu betören.“
Drittens, weil dies der Jungfräulichkeit der Mutter Gottes angemessen war. Weshalb Hieronymus in einer Predigt über die Aufnahme Mariens sagt [*Zugeschrieben an Hl. Hieronymus, aber nicht sein Werk]: „Es ist gut, dass ein Engel zur Jungfrau gesandt wird; denn die Jungfräulichkeit ist stets der engelhaften Natur verwandt. Wahrlich, im Fleische zu leben und nicht nach dem Fleische, ist kein irdisches, sondern ein himmlisches Leben.“
Antwort auf Einwand 1: Die Mutter Gottes stand über den Engeln hinsichtlich der Würde, zu der sie von Gott erwählt war. Aber hinsichtlich des gegenwärtigen Lebenszustandes stand sie unter den Engeln. Denn selbst Christus wurde aufgrund seines leidensfähigen Lebens „ein wenig unter die Engel erniedrigt“, gemäß Hebr 2,9. Da Christus aber zugleich Pilger (viator) und Schauender (comprehensor) war, bedurfte Er keiner Unterweisung durch Engel hinsichtlich der Erkenntnis göttlicher Dinge. Die Mutter Gottes jedoch befand sich noch nicht im Zustand des Schauens: und deshalb musste sie von Engeln über die göttliche Empfängnis unterrichtet werden.
Antwort auf Einwand 2: Wie Augustinus in einer Predigt über die Aufnahme Mariens sagt (De Assump. B.V.M. [*Werk eines anderen Autors: unter den Werken des Hl. Augustinus]), schließt eine wahre Einschätzung der seligen Jungfrau sie von gewissen allgemeinen Regeln aus. Denn „weder hat sie ‚ihre Empfängnisse vermehrt‘ noch war sie ‚unter der Gewalt des Mannes, d.h. ihres Ehemannes‘ (Gen 3,16), die in ihrem makellosen Schoß Christus vom Heiligen Geist empfing.“ Daher war es angemessen, dass sie über das Geheimnis der Menschwerdung nicht durch einen Mann, sondern durch einen Engel unterrichtet wurde. Aus diesem Grund wurde es ihr vor Josef kundgetan: da die Botschaft ihr gebracht wurde, bevor sie empfing, Josef aber, nachdem sie empfangen hatte.
Antwort auf Einwand 3: Wie aus der von Dionysius zitierten Stelle entnommen werden kann, waren die Engel mit dem Geheimnis der Menschwerdung vertraut: und doch stellten sie diese Frage, da sie begehrten, dass Christus ihnen vollkommenere Erkenntnis über die Einzelheiten dieses Geheimnisses gebe, welche für jeden geschaffenen Intellekt unbegreiflich sind. So sagt Maximus [*Maximus von Konstantinopel], dass „es keine Frage sein kann, dass die Engel wussten, dass die Menschwerdung stattfinden sollte. Aber es war ihnen nicht gegeben, die Art und Weise der Empfängnis unseres Herrn zu ergründen, noch wie es geschah, dass Er ganz im Vater blieb, ganz im Universum war und ganz in der engen Wohnstatt der Jungfrau.“
Antwort auf Einwand 4: Einige sagen, dass Gabriel von der höchsten Ordnung war; weil Gregor sagt (Hom. de Centum Ovibus [*34 in Evang.]): „Es war recht, dass einer der höchsten Engel kam, da seine Botschaft höchst erhaben war.“ Dies impliziert jedoch nicht, dass er von der allerhöchsten Ordnung war, sondern in Bezug auf die Engel: da er ein Erzengel war. So nennt ihn die Kirche einen Erzengel, und Gregor selbst sagt in einer Homilie (De Centum Ovibus 34), dass „jene Erzengel genannt werden, die erhabene Dinge verkünden.“ Es ist daher hinreichend glaubwürdig, dass er der höchste der Erzengel war. Und wie Gregor sagt (De Centum Ovibus 34), stimmt dieser Name mit seinem Amt überein: denn „Gabriel bedeutet ‚Kraft Gottes‘. Diese Botschaft wurde daher passenderweise durch die ‚Kraft Gottes‘ gebracht, weil der Herr der Heerscharen und der Mächtige im Kampf kam, um die Mächte der Luft zu überwinden.“