III, q. 30 a. 1
Ob es notwendig war, der seligen Jungfrau anzukündigen, was in ihr geschehen sollte?
Quaestio 30 · Von der Verkündigung der seligen Jungfrau
Einwand 1: Es scheint, dass es unnötig war, der seligen Jungfrau anzukündigen, was in ihr geschehen sollte. Denn es scheint keine Notwendigkeit für die Verkündigung gegeben zu haben, außer zum Zwecke, die Zustimmung der Jungfrau zu erhalten. Ihre Zustimmung scheint jedoch unnötig gewesen zu sein: denn die jungfräuliche Empfängnis war durch eine Prophezeiung der „Vorherbestimmung“ vorhergesagt, welche „ohne unsere Zustimmung erfüllt wird“, wie eine Glosse zu Mt 1,22 sagt. Es bestand daher keine Notwendigkeit für diese Verkündigung.
Einwand 2: Ferner glaubte die selige Jungfrau an die Menschwerdung, denn daran nicht zu glauben, schließt den Menschen vom Weg des Heils aus; denn wie der Apostel sagt (Röm 3,22): „Die Gerechtigkeit Gottes (kommt) durch den Glauben an Jesus Christus.“ Wer aber ohne Zweifel glaubt, bedarf keiner weiteren Belehrung über das, was er glaubt. Daher hatte die selige Jungfrau keine Notwendigkeit, dass ihr die Menschwerdung ihres Sohnes angekündigt würde.
Einwand 3: Ferner, so wie die selige Jungfrau Christus in ihrem Leibe empfing, so empfängt ihn jede fromme Seele geistigerweise. So sagt der Apostel (Gal 4,19): „Meine Kinder, für die ich abermals Geburtswehen leide, bis Christus in euch Gestalt gewinnt.“ Aber jenen, die Ihn geistigerweise empfangen, wird diese Empfängnis nicht angekündigt. Daher hätte auch der seligen Jungfrau nicht angekündigt werden sollen, dass sie den Sohn Gottes in ihrem Schoß empfangen werde.
Dagegen spricht, dass berichtet wird (Lk 1,31), der Engel habe zu ihr gesagt: „Siehe, du wirst in deinem Schoß empfangen und einen Sohn gebären.“
Ich antworte darauf, dass es angemessen war, der seligen Jungfrau anzukündigen, dass sie Christus empfangen sollte. Erstens, um eine geziemende Ordnung in der Vereinigung des Sohnes Gottes mit der Jungfrau zu wahren – nämlich, dass sie im Geiste über Ihn unterrichtet werde, bevor sie Ihn im Fleische empfange. So sagt Augustinus (De Sancta Virgin. iii): „Maria ist seliger dadurch, dass sie den Glauben an Christus empfing, als dadurch, dass sie das Fleisch Christi empfing“; und weiter unten fügt er hinzu: „Ihre Nähe als Mutter hätte Maria nichts genützt, hätte sie Christus nicht auf seligere Weise in ihrem Herzen getragen als in ihrem Fleische.“
Zweitens, damit sie eine gewissere Zeugin dieses Geheimnisses sei, da sie darin von Gott unterwiesen wurde.
Drittens, damit sie Gott die freie Gabe ihres Gehorsams darbringe: wozu sie sich sogleich bereit zeigte, indem sie sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“
Viertens, um zu zeigen, dass eine gewisse geistliche Ehe zwischen dem Sohn Gottes und der menschlichen Natur besteht. Daher wurde in der Verkündigung die Zustimmung der Jungfrau stellvertretend für die gesamte menschliche Natur erbeten.
Antwort auf Einwand 1: Die Prophezeiung der Vorherbestimmung erfüllt sich ohne die Kausalität unseres Willens, jedoch nicht ohne dessen Zustimmung.
Antwort auf Einwand 2: Die selige Jungfrau glaubte zwar ausdrücklich an die künftige Menschwerdung; da sie aber demütig war, dachte sie nicht so hohe Dinge von sich selbst. Folglich bedurfte sie der Belehrung in dieser Angelegenheit.
Antwort auf Einwand 3: Der geistigen Empfängnis Christi durch den Glauben geht die Predigt des Glaubens voraus, insofern „der Glaube aus dem Hören kommt“ (Röm 10,17). Doch weiß der Mensch dadurch nicht mit Gewissheit, dass er die Gnade besitzt; er weiß aber, dass der Glaube, den er empfangen hat, wahr ist.