III, q. 28 a. 1
Ob die Mutter Gottes bei der Empfängnis Christi Jungfrau war?
Quaestio 28 · Von der Jungfräulichkeit der Mutter Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass die Mutter Gottes bei der Empfängnis Christi keine Jungfrau war. Denn kein Kind, das Vater und Mutter hat, wird von einer jungfräulichen Mutter empfangen. Christus aber soll nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Vater gehabt haben, gemäß Lk 2,33: „Sein Vater und seine Mutter verwunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde“; und weiter unten (Lk 2,48) im selben Kapitel sagt sie: „Siehe, ich und dein Vater haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Also wurde Christus nicht von einer jungfräulichen Mutter empfangen.
Einwand 2: Ferner wird (in Mt 1) bewiesen, dass Christus der Sohn Abrahams und Davids war, indem Josephs Abstammung von David hergeleitet wird. Dieser Beweis aber hätte keine Kraft, wenn Joseph nicht der Vater Christi wäre. Daher scheint es, dass Christi Mutter ihn vom Samen Josephs empfangen hat; und folglich, dass sie bei seiner Empfängnis keine Jungfrau war.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Gal 4,4): „Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch aber wird der Begriff „Frau“ auf eine solche angewandt, die einen Mann erkannt hat. Also wurde Christus nicht von einer jungfräulichen Mutter empfangen.
Einwand 4: Ferner haben Dinge derselben Art dieselbe Art der Zeugung; denn die Zeugung wird durch ihren Zielpunkt spezifiziert, so wie andere Bewegungen auch. Christus aber gehörte derselben Art an wie andere Menschen, gemäß Phil 2,7: „Er ist den Menschen gleich geworden und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ Da also andere Menschen durch die Vermischung von Mann und Frau gezeugt werden, scheint es, dass Christus auf dieselbe Weise gezeugt wurde; und dass er folglich nicht von einer jungfräulichen Mutter empfangen wurde.
Einwand 5: Ferner hat jede natürliche Form ihre bestimmte Materie, außerhalb derer sie nicht sein kann. Die Materie der menschlichen Form aber scheint der Samen von Mann und Frau zu sein. Wenn also der Leib Christi nicht aus dem Samen von Mann und Frau empfangen wurde, wäre er kein wahrer menschlicher Leib gewesen; was nicht behauptet werden kann. Es scheint daher, dass er nicht von einer jungfräulichen Mutter empfangen wurde.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Jes 7,14): „Siehe, eine Jungfrau wird empfangen.“
Ich antworte darauf, dass wir schlechthin bekennen müssen, dass die Mutter Christi bei der Empfängnis Jungfrau war; denn dies zu leugnen gehört zur Häresie der Ebioniten und des Cerinthus, welche Christus für einen bloßen Menschen hielten und behaupteten, er sei von beiden Geschlechtern geboren.
Es ist aus vier Gründen angemessen, dass Christus von einer Jungfrau geboren wurde. Erstens, um die Würde des Vaters zu wahren, der ihn gesandt hat. Denn da Christus der wahre und natürliche Sohn Gottes ist, war es nicht angemessen, dass er einen anderen Vater als Gott habe, damit nicht die Würde, die Gott zukommt, auf einen anderen übertragen werde.
Zweitens war dies einer Eigenschaft des Sohnes selbst angemessen, der gesandt wird. Denn er ist das Wort Gottes; und das Wort wird ohne jede innere Verderbnis empfangen; ja, innere Verderbnis ist unvereinbar mit der vollkommenen Empfängnis des Wortes. Da also das Fleisch vom Wort Gottes so angenommen wurde, dass es das Fleisch des Wortes Gottes ist, war es angemessen, dass es auch ohne Verderbnis der Mutter empfangen wurde.
Drittens war dies der Würde der Menschheit Christi angemessen, in der keine Sünde sein konnte, da durch sie die Sünde der Welt hinweggenommen wurde, gemäß Joh 1,29: „Seht, das Lamm Gottes“ (d.h. das Lamm ohne Makel), „das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Nun war es in einer bereits verdorbenen Natur nicht möglich, dass Fleisch aus geschlechtlichem Verkehr geboren würde, ohne sich die Ansteckung der Erbsünde zuzuziehen. Daher sagt Augustinus (De Nup. et Concup. i): „In jener Verbindung“, nämlich der Ehe von Maria und Joseph, „fehlte allein der eheliche Verkehr: weil dieser im sündigen Fleisch nicht ohne fleischliche Begierde geschehen konnte, die aus der Sünde entspringt, und ohne die Er empfangen werden wollte, der ohne Sünde sein sollte.“
Viertens wegen des eigentlichen Ziels der Menschwerdung Christi, welches war, dass die Menschen als Söhne Gottes wiedergeboren würden, „nicht aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott“ (Joh 1,13), d.h. aus der Kraft Gottes, wovon die Empfängnis Christi selbst als Vorbild erscheinen sollte. Daher sagt Augustinus (De Sanct. Virg.): „Es geziemte sich, dass unser Haupt durch ein bemerkenswertes Wunder nach dem Fleisch von einer Jungfrau geboren wurde, damit er dadurch anzeige, dass seine Glieder nach dem Geist von einer jungfräulichen Kirche geboren würden.“
Zu Einwand 1: Wie Beda zu Lk 1,33 sagt: Joseph wird Vater des Erlösers genannt, nicht weil er wirklich sein Vater war, wie die Photinianer vorgaben, sondern weil er von den Menschen dafür gehalten wurde, zur Wahrung des guten Rufes Mariens. Weshalb Lukas hinzufügt (Lk 3,23): „Er wurde, wie man meinte, für den Sohn Josephs gehalten.“
Oder, nach Augustinus (De Cons. Evang. ii), wird Joseph Vater Christi genannt, so wie „er Ehemann Mariens genannt wird, ohne fleischliche Vermischung, durch das bloße Band der Ehe: wodurch er viel enger mit ihm verbunden ist, als wenn er aus einer anderen Familie adoptiert wäre. Folglich ist der Umstand, dass Christus nicht durch fleischliche Vereinigung von Joseph gezeugt wurde, kein Grund, warum Joseph nicht sein Vater genannt werden sollte; da er sogar der Vater eines adoptierten Sohnes wäre, der nicht von seiner Frau geboren ist.“
Zu Einwand 2: Wie Hieronymus zu Mt 1,18 sagt: „Obwohl Joseph nicht der Vater unseres Herrn und Erlösers war, wird die Ordnung seiner Genealogie bis zu Joseph herabgeführt“ – erstens, weil „die Schriften nicht pflegen, die weibliche Linie in Genealogien zu verfolgen“; zweitens, „Maria und Joseph waren vom selben Stamm“; weshalb er nach dem Gesetz verpflichtet war, sie als seine Verwandte zu nehmen. Ebenso sagt Augustinus (De Nup. et Concup. i): „Es war angemessen, die Genealogie bis zu Joseph herabzuführen, damit in jener Ehe dem männlichen Geschlecht, das ja das stärkere ist, keine Geringschätzung entgegengebracht werde: denn die Wahrheit litt dadurch keinen Schaden, da sowohl Joseph als auch Maria aus der Familie Davids waren.“
Zu Einwand 3: Wie die Glosse zu dieser Stelle sagt, wird das Wort „‚mulier‘ (Frau) hier anstelle von ‚femina‘ (weibliches Wesen) gebraucht, gemäß dem Brauch der hebräischen Sprache, welche den Begriff, der Frau bedeutet, auf jene des weiblichen Geschlechts anwendet, die Jungfrauen sind.“
Zu Einwand 4: Dieses Argument gilt für jene Dinge, die auf dem Wege der Natur ins Dasein kommen: da die Natur, so wie sie auf eine bestimmte Wirkung festgelegt ist, so auch auf eine bestimmte Art der Hervorbringung dieser Wirkung festgelegt ist. Da aber die übernatürliche Macht Gottes sich auf das Unendliche erstreckt, ist sie, so wie sie nicht auf eine Wirkung festgelegt ist, auch nicht auf eine Art der Hervorbringung irgendeiner Wirkung festgelegt. Folglich, so wie es möglich war, dass der erste Mensch durch die göttliche Macht „aus dem Lehm der Erde“ hervorgebracht wurde, so war es auch möglich, dass der Leib Christi durch göttliche Macht aus einer Jungfrau ohne den Samen des Mannes gebildet wurde.
Zu Einwand 5: Nach dem Philosophen (De Gener. Animal. i, ii, iv) ist bei der Empfängnis der Samen des Mannes nicht nach Art der Materie, sondern nach Art des Wirkenden tätig; und das Weibliche allein liefert die Materie. Weshalb, obwohl der Samen des Mannes bei der Empfängnis Christi fehlte, daraus nicht folgt, dass die gebührende Materie fehlte.
Wenn aber der Samen des Mannes bei der tierischen Empfängnis die Materie des Fötus wäre, so ist es dennoch offenkundig, dass er keine Materie ist, die unter einer Form verbleibt, sondern der Umwandlung unterworfen ist. Und obwohl die natürliche Kraft keine andere als die bestimmte Materie zu einer bestimmten Form umwandeln kann, kann dennoch die göttliche Macht, die unendlich ist, alle Materie zu jeder beliebigen Form umwandeln. Folglich, so wie sie den Lehm der Erde in Adams Leib umwandelte, so konnte sie auch die von seiner Mutter gelieferte Materie in den Leib Christi umwandeln, selbst wenn es nicht die hinreichende Materie für eine natürliche Empfängnis gewesen wäre.