III, q. 14 a. 4
Ob Christus alle körperlichen Mängel der Menschen hätte annehmen sollen?
Quaestio 14 · Von den Mängeln des Leibes, die der Sohn Gottes angenommen hat.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus alle körperlichen Mängel der Menschen hätte annehmen sollen. Denn Damascener sagt (De Fide Orth. iii, 6,18): „Was nicht angenommen wird, ist unheilbar.“ Christus aber kam, um alle unsere Mängel zu heilen. Daher hätte Er alle unsere Mängel annehmen sollen.
Einwand 2: Ferner wurde gesagt (Artikel [1]), dass Christus, um für uns Genugtuung zu leisten, vervollkommnende Habitus der Seele und Mängel des Leibes hätte haben sollen. Nun nahm Er hinsichtlich der Seele die Fülle aller Gnade an. Daher hätte Er hinsichtlich des Leibes alle Mängel annehmen sollen.
Einwand 3: Ferner nimmt unter allen körperlichen Mängeln der Tod den ersten Platz ein. Nun nahm Christus den Tod an. Viel mehr also hätte Er die anderen Mängel annehmen sollen.
Dagegen spricht, dass Gegensätze nicht gleichzeitig im selben stattfinden können. Nun sind einige Krankheiten einander entgegengesetzt, da sie durch entgegengesetzte Prinzipien verursacht werden. Daher konnte es nicht sein, dass Christus alle menschlichen Krankheiten annahm.
Ich antworte darauf, dass Christus, wie oben dargelegt (Artikel [1], 2), menschliche Mängel annahm, um für die Sünde der menschlichen Natur Genugtuung zu leisten, und hierfür war es notwendig, dass Er die Fülle der Erkenntnis und der Gnade in seiner Seele hatte. Daher sollte Christus jene Mängel annehmen, die aus der allgemeinen Sünde der ganzen Natur fließen, jedoch nicht unvereinbar mit der Vollkommenheit der Erkenntnis und der Gnade sind. Und so war es nicht angemessen für Ihn, alle menschlichen Mängel oder Krankheiten anzunehmen. Denn es gibt einige Mängel, die mit der Vollkommenheit der Erkenntnis und der Gnade unvereinbar sind, wie Unwissenheit, eine Neigung zum Bösen und eine Schwierigkeit im Gut-Handeln. Einige andere Mängel fließen nicht aus der gesamten menschlichen Natur im Allgemeinen aufgrund der Sünde unseres ersten Elternpaares, sondern werden bei einigen Menschen durch bestimmte besondere Ursachen hervorgerufen, wie Aussatz, Epilepsie und dergleichen; und diese Mängel werden manchmal durch die Schuld des Menschen herbeigeführt, z.B. durch unmäßiges Essen; manchmal durch einen Mangel in der bildenden Kraft. Nun betrifft keines von beiden Christus, da sein Fleisch vom Heiligen Geist empfangen wurde, Der unendliche Weisheit und Macht besitzt und nicht irren oder fehlen kann; und Er selbst tat nichts Falsches in der Ordnung seines Lebens. Aber es gibt einige dritte Mängel, die bei allen Menschen gemeinsam zu finden sind aufgrund der Sünde unseres ersten Elternpaares, wie Tod, Hunger, Durst und dergleichen; und alle diese Mängel nahm Christus an, welche Damascener (De Fide Orth. i, 11; iii, 20) „natürliche und untadelige Leidenschaften“ nennt – natürlich, da sie der ganzen menschlichen Natur gemeinsam folgen; untadelig, da sie keinen Mangel an Erkenntnis oder Gnade implizieren.
Antwort auf Einwand 1: Alle besonderen Mängel der Menschen werden durch die Verweslichkeit und Leidensfähigkeit des Körpers verursacht, wobei einige besondere Ursachen hinzukommen; und daher heilte Christus, da Er die Leidensfähigkeit und Verweslichkeit unseres Körpers heilte, indem Er sie annahm, folglich alle anderen Mängel.
Antwort auf Einwand 2: Die Fülle aller Gnade und Erkenntnis gebührte der Seele Christi aus sich selbst heraus, aufgrund der Tatsache, dass sie vom Wort Gottes angenommen wurde; und daher nahm Christus die ganze Fülle der Erkenntnis und Weisheit absolut an. Aber Er nahm unsere Mängel ökonomisch an, um für unsere Sünde Genugtuung zu leisten, und nicht, dass sie Ihm aus sich selbst heraus gehörten. Daher war es nicht notwendig, dass Er sie alle annahm, sondern nur solche, die ausreichten, um für die Sünde der ganzen Natur Genugtuung zu leisten.
Antwort auf Einwand 3: Der Tod kommt zu allen Menschen durch die Sünde unseres ersten Elternpaares; nicht aber andere Mängel, obwohl sie geringer sind als der Tod. Daher besteht keine Gleichheit.