III, q. 14 a. 1
Ob der Sohn Gottes in der menschlichen Natur körperliche Mängel hätte annehmen sollen?
Quaestio 14 · Von den Mängeln des Leibes, die der Sohn Gottes angenommen hat.
Einwand 1: Es scheint, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur nicht mit körperlichen Mängeln hätte annehmen sollen. Denn wie seine Seele persönlich mit dem Wort Gottes vereint ist, so ist es auch sein Leib. Die Seele Christi aber besaß jede Vollkommenheit, sowohl der Gnade als auch der Wahrheit, wie oben gesagt wurde (Frage [7], Artikel [9]; Frage [9], ff.). Daher hätte auch sein Leib in jeder Hinsicht vollkommen sein müssen und keinerlei Unvollkommenheit an sich haben dürfen.
Einwand 2: Ferner schaute die Seele Christi das Wort Gottes in jener Schau, in der die Seligen es schauen, wie oben gesagt wurde (Frage [9], Artikel [2]), und so war die Seele Christi selig. Durch die Beseligung der Seele aber wird der Leib verherrlicht; denn wie Augustinus sagt (Ep. ad Dios. cxviii): „Gott hat die Seele von so gewaltiger Natur geschaffen, dass aus der Fülle ihrer Seligkeit auch auf die niedrigere Natur“ (d.h. den Leib) „überströmt, zwar nicht die der beseligenden Frucht und Schau eigene Wonne, wohl aber die Fülle der Gesundheit“ (d.h. die Kraft der Unverweslichkeit). Daher war der Leib Christi unverweslich und ohne jeden Mangel.
Einwand 3: Ferner ist die Strafe die Folge der Schuld. In Christus aber war keine Schuld, gemäß 1 Petr 2,22: „Der keine Sünde tat.“ Daher hätten körperliche Mängel, welche Strafen sind, nicht in Ihm sein sollen.
Einwand 4: Ferner nimmt kein vernünftiger Mensch an, was ihn von seinem eigentlichen Ziel abhält. Durch derartige körperliche Mängel aber scheint das Ziel der Menschwerdung in vielerlei Hinsicht behindert zu werden. Erstens, weil die Menschen durch diese Schwachheiten davon abgehalten wurden, Ihn zu erkennen, gemäß Jes 53,2.3: „[Er hatte keine Gestalt,] dass wir nach Ihm verlangt hätten. Verachtet und der unwerteste der Männer, ein Mann der Schmerzen und mit Schwachheit vertraut, und sein Anblick war gleichsam verborgen und verachtet, weshalb wir Ihn nicht achteten.“ Zweitens, weil das Verlangen der Väter nicht erfüllt zu sein schien, in deren Person geschrieben steht (Jes 51,9): „Erwache, erwache, ziehe Stärke an, du Arm des Herrn.“ Drittens, weil es angemessener schiene, dass die Macht des Teufels durch Stärke überwunden und die Schwachheit des Menschen durch Stärke geheilt würde als durch Schwachheit. Daher scheint es nicht angemessen gewesen zu sein, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur mit Schwachheiten oder körperlichen Mängeln annahm.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Hebr 2,18): „Denn worin Er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann Er auch denen helfen, die versucht werden.“ Er kam aber, um uns zu helfen; daher sagte David von Ihm (Ps 120,1): „Ich habe meine Augen zu den Bergen erhoben, von wo mir Hilfe kommen wird.“ Daher war es für den Sohn Gottes angemessen, ein den menschlichen Schwachheiten unterworfenes Fleisch anzunehmen, um darin zu leiden und versucht zu werden und uns so Hilfe zu bringen.
Ich antworte darauf, dass es für den vom Sohn Gottes angenommenen Leib angemessen war, menschlichen Schwachheiten und Mängeln unterworfen zu sein; und zwar besonders aus drei Gründen. Erstens, weil der Sohn Gottes Fleisch annahm und in die Welt kam, um für die Sünde des Menschengeschlechts Genugtuung zu leisten. Nun leistet einer für die Sünde eines anderen Genugtuung, indem er die Strafe auf sich nimmt, die für die Sünde des anderen geschuldet ist. Diese körperlichen Mängel aber, nämlich Tod, Hunger, Durst und dergleichen, sind die Strafe der Sünde, die durch Adam in die Welt gebracht wurde, gemäß Röm 5,12: „Durch einen Menschen ist die Sünde in diese Welt gekommen und durch die Sünde der Tod.“ Daher war es für das Ziel der Menschwerdung nützlich, dass Er diese Strafen in unserem Fleisch und an unserer Statt annahm, gemäß Jes 53,4: „Wahrlich, Er hat unsere Schwachheiten getragen.“ Zweitens, um den Glauben an die Menschwerdung zu bewirken. Da nämlich die menschliche Natur den Menschen nur so bekannt ist, wie sie diesen Mängeln unterworfen ist, hätte der Sohn Gottes, wenn Er die menschliche Natur ohne diese Mängel angenommen hätte, nicht als wahrer Mensch erschienen, und es hätte geschienen, als habe Er kein wahres, sondern ein Schein-Fleisch, wie die Manichäer behaupteten. Und so heißt es in Phil 2,7: „Er ... entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde den Menschen gleich und im Äußeren als ein Mensch erfunden.“ Daher wurde Thomas durch den Anblick seiner Wunden zum Glauben zurückgerufen, wie in Joh 20,26 berichtet wird. Drittens, um uns ein Beispiel der Geduld zu zeigen, indem Er tapfer gegen menschliche Leidensfähigkeit und Mängel standhielt. Daher heißt es (Hebr 12,3), dass Er „einen solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und in eurem Mut ermatet.“
Antwort auf Einwand 1: Die Strafen, die einer für die Sünde eines anderen erleidet, sind gleichsam die Materie der Genugtuung für jene Sünde; das Prinzip aber ist der Habitus der Seele, durch den einer geneigt ist, für einen anderen Genugtuung leisten zu wollen, und von dem die Genugtuung ihre Wirksamkeit hat; denn die Genugtuung wäre nicht wirksam, wenn sie nicht aus der Liebe hervorginge, wie erklärt werden wird (XP, Frage [14], Artikel [2]). Daher geziemte es sich, dass die Seele Christi vollkommen war hinsichtlich des Habitus der Erkenntnis und der Tugend, um die Kraft zur Genugtuung zu haben; sein Leib aber war Schwachheiten unterworfen, damit die Materie der Genugtuung nicht fehle.
Antwort auf Einwand 2: Aufgrund der natürlichen Beziehung, die zwischen Seele und Leib besteht, strömt die Herrlichkeit von der Herrlichkeit der Seele in den Leib über. Doch diese natürliche Beziehung war in Christus dem Willen seiner Gottheit unterworfen, und dadurch geschah es, dass die Seligkeit in der Seele verblieb und nicht in den Leib überströmte; das Fleisch aber erlitt, was einer leidensfähigen Natur eigen ist; so sagt Damascener (De Fide Orth. iii, 15), dass „es durch die Zustimmung des göttlichen Willens geschah, dass dem Fleisch erlaubt wurde zu leiden und zu tun, was ihm eigen war.“
Antwort auf Einwand 3: Die Strafe folgt immer auf die Sünde, sei es die aktuelle oder die Erbsünde, manchmal des Bestraften, manchmal dessen, für den derjenige, der die Strafe erleidet, Genugtuung leistet. Und so verhielt es sich bei Christus, gemäß Jes 53,5: „Er wurde verwundet um unserer Missetaten willen, Er wurde zerschlagen um unserer Sünden willen.“
Antwort auf Einwand 4: Die von Christus angenommene Schwachheit hinderte das Ziel der Menschwerdung nicht, sondern förderte es sehr, wie oben dargelegt. Und obwohl diese Schwachheiten seine Gottheit verbargen, machten sie seine Menschheit bekannt, welche der Weg ist, um zur Gottheit zu gelangen, gemäß Röm 5,1.2: „Durch Jesus Christus haben wir Zugang zu Gott.“ Zudem verlangten die alten Väter nicht nach körperlicher Stärke in Christus, sondern nach geistiger Stärke, mit der Er den Teufel besiegte und die menschliche Schwachheit heilte.