Suppl., q. 78 a. 2
Ob alle aus der Asche wieder auferstehen werden?
Quaestio 78 · Vom Ausgangspunkt der Auferstehung
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle aus der Asche wieder auferstehen werden. Denn die Auferstehung Christi ist das Vorbild der unsrigen. Seine Auferstehung war jedoch nicht aus der Asche, denn sein Fleisch sah die Verwesung nicht, gemäß Ps 15,10; Apg 2,27.31. Daher werden auch nicht alle aus der Asche wieder auferstehen.
Einwand 2: Ferner wird der menschliche Körper nicht immer verbrannt. Ein Ding kann aber nicht zu Asche reduziert werden, wenn es nicht verbrannt wird. Daher werden nicht alle aus der Asche wieder auferstehen.
Einwand 3: Ferner wird der Körper eines toten Menschen nicht unmittelbar nach dem Tod zu Asche reduziert. Aber einige werden sofort nach dem Tod wieder auferstehen, gemäß dem Text (Sent. iv, D, 43), nämlich jene, die lebend angetroffen werden. Daher werden nicht alle aus der Asche wieder auferstehen.
Einwand 4: Ferner entspricht der Ausgangspunkt (terminus a quo) dem Zielpunkt (terminus ad quem). Nun ist der Zielpunkt der Auferstehung bei den Guten nicht derselbe wie bei den Bösen: „Wir werden zwar alle auferstehen, aber wir werden nicht alle verwandelt werden“ (1 Kor 15,51). Daher ist der Ausgangspunkt nicht derselbe. Und so, wenn die Bösen aus der Asche wieder auferstehen, werden die Guten nicht aus der Asche wieder auferstehen.
Dagegen spricht, was Haymo sagt (zu Röm 5,10, „Denn wenn wir, als wir Feinde waren“): „Alle, die in der Erbsünde geboren sind, liegen unter dem Urteil: Erde bist du, und zur Erde sollst du werden.“ Nun wurden alle, die bei der allgemeinen Auferstehung wieder auferstehen werden, in der Erbsünde geboren, entweder bei ihrer Geburt im Schoß oder zumindest bei ihrer Geburt aus dem Schoß. Daher werden alle aus der Asche wieder auferstehen.
Ferner gibt es viele Dinge im menschlichen Körper, die nicht wahrhaft zur menschlichen Natur gehören. Aber all diese werden entfernt werden. Daher müssen alle Körper notwendigerweise zu Asche reduziert werden.
Ich antworte darauf, dass dieselben Gründe, mit denen wir gezeigt haben (Artikel 1), dass alle vom Tod wieder auferstehen, auch beweisen, dass bei der allgemeinen Auferstehung alle aus der Asche wieder auferstehen werden, es sei denn, das Gegenteil, wie etwa die Beschleunigung ihrer Auferstehung, werde bestimmten Personen durch ein besonderes Privileg der Gnade gewährt. Denn so wie die Heilige Schrift die Auferstehung vorhersagt, so sagt sie auch die Umgestaltung der Körper vorher (Phil 3,21). Und so folgt, dass, so wie alle sterben, damit die Körper aller wahrhaft wieder auferstehen können, so werden die Körper aller vergehen, damit sie umgestaltet werden können. Denn so wie der Tod durch die göttliche Gerechtigkeit als Strafe über den Menschen verhängt wurde, so auch der Zerfall des Körpers, wie aus Gen 3,19 hervorgeht: „Erde bist du, und zur Erde sollst du werden [Vulg.: ‚Staub bist du, und zum Staub sollst du zurückkehren‘].“
Überdies verlangt die Ordnung der Natur die Auflösung nicht nur der Vereinigung von Seele und Leib, sondern auch der Mischung der Elemente: so wie Essig nicht zur Qualität von Wein zurückgebracht werden kann, wenn er nicht zuerst in die vorhergehende Materie aufgelöst wird; denn die Mischung der Elemente wird durch die Bewegung des Himmels sowohl verursacht als auch erhalten, und wenn diese aufhört, werden alle gemischten Körper in reine Elemente aufgelöst werden.
Zu Einwand 1 ist zu sagen: Die Auferstehung Christi ist das Vorbild der unsrigen hinsichtlich des Zielpunkts (terminus ad quem), aber nicht hinsichtlich des Ausgangspunkts (terminus a quo).
Zu Einwand 2 ist zu sagen: Mit Asche meinen wir alle Überreste, die nach der Auflösung des Körpers übrig bleiben – aus zwei Gründen. Erstens, weil es in alten Zeiten allgemeiner Brauch war, die Körper der Toten zu verbrennen und die Asche aufzubewahren, weshalb es üblich wurde, von den Überresten eines menschlichen Körpers als Asche zu sprechen. Zweitens wegen der Ursache der Auflösung, welche die Flamme des Zunders (fomes) ist, wodurch der menschliche Körper radikal infiziert ist. Um von dieser Infektion gereinigt zu werden, muss der menschliche Körper daher in seine primären Bestandteile aufgelöst werden: und wenn ein Ding durch Feuer zerstört wird, sagt man, es werde zu Asche reduziert. Weshalb der Name Asche jenen Dingen gegeben wird, in die der menschliche Körper aufgelöst wird.
Zu Einwand 3 ist zu sagen: Das Feuer, das das Antlitz der Erde reinigen wird, wird fähig sein, die Körper jener, die lebend angetroffen werden, plötzlich zu Asche zu reduzieren, so wie es andere gemischte Körper in ihre vorhergehende Materie auflösen wird.
Zu Einwand 4 ist zu sagen: Bewegung erhält ihre Spezies nicht von ihrem Ausgangspunkt (terminus a quo), sondern von ihrem Zielpunkt (terminus ad quem). Daher muss sich die Auferstehung der Heiligen, die glorreich sein wird, von der Auferstehung der Bösen, die nicht glorreich sein wird, hinsichtlich des Zielpunkts unterscheiden, und nicht hinsichtlich des Ausgangspunkts. Und es geschieht oft, dass der Zielpunkt nicht derselbe ist, während der Ausgangspunkt derselbe ist – zum Beispiel kann ein Ding von Schwärze zu Weiße und zu Blässe bewegt werden.