Suppl., q. 42 a. 3
Ob die Ehe Gnade verleiht?
Quaestio 42 · Von der Ehe als Sakrament
Einwand 1: Es scheint, dass die Ehe keine Gnade verleiht. Denn nach Hugo (De Sacram. i) "verleihen die Sakramente kraft ihrer Heiligung eine unsichtbare Gnade". Aber die Ehe hat keine ihr wesentliche Heiligung. Also wird darin keine Gnade verliehen.
Einwand 2: Ferner verleiht jedes Sakrament, das Gnade verleiht, diese kraft seiner Materie und Form. Nun sind die Handlungen, die die Materie in diesem Sakrament sind, nicht die Ursache der Gnade (denn es wäre die Häresie des Pelagius zu behaupten, dass unsere Handlungen Gnade verursachen); und die Worte, die den Konsens ausdrücken, sind nicht die Ursache der Gnade, da keine Heiligung aus ihnen resultiert. Also wird in der Ehe keineswegs Gnade gegeben.
Einwand 3: Ferner ist die Gnade, die gegen die Wunde der Sünde gerichtet ist, für alle notwendig, die diese Wunde haben. Nun findet sich die Wunde der Begierlichkeit in allen. Wenn also in der Ehe Gnade gegen die Wunde der Begierlichkeit gegeben würde, müssten alle Menschen die Ehe schließen, und es wäre sehr töricht, sich der Ehe zu enthalten.
Einwand 4: Ferner sucht eine Krankheit kein Heilmittel, wo sie Verschlimmerung findet. Nun wird die Begierlichkeit durch Begierlichkeit verschlimmert, weil nach dem Philosophen (Ethic. iii, 12) "das Verlangen der Begierlichkeit unersättlich ist und durch gleichartige Handlungen vermehrt wird". Daher scheint es, dass in der Ehe keine Gnade als Heilmittel für die Begierlichkeit verliehen wird.
Dagegen spricht, dass Definition und Definiertes austauschbar sein sollten. Nun ist die Verursachung von Gnade in der Definition eines Sakraments eingeschlossen. Da also die Ehe ein Sakrament ist, ist sie eine Ursache der Gnade.
Ferner sagt Augustinus (De Bono Viduit. viii; Gen. ad lit. ix, 7), dass "die Ehe den Kranken ein Heilmittel bietet". Aber sie ist kein Heilmittel, außer insofern sie eine gewisse Wirksamkeit hat. Also hat sie eine gewisse Wirksamkeit zur Unterdrückung der Begierlichkeit. Nun wird die Begierlichkeit nicht unterdrückt außer durch Gnade. Also wird darin Gnade verliehen.
Ich antworte darauf, dass es zu diesem Punkt drei Meinungen gab. Denn einige sagten, die Ehe sei keineswegs Ursache der Gnade, sondern nur ein Zeichen derselben. Aber dies kann nicht aufrechterhalten werden, denn in diesem Fall würde sie in keiner Hinsicht die Sakramente des Alten Gesetzes übertreffen. Daher gäbe es keinen Grund, sie zu den Sakramenten des Neuen Gesetzes zu rechnen; da sie sogar im Alten Gesetz durch die bloße Natur der Handlung fähig war, ein Heilmittel gegen die Begierlichkeit zu bieten, damit letztere nicht ausschweife, wenn sie in zu strenger Zurückhaltung gehalten würde.
Daher sagten andere, dass Gnade darin verliehen werde hinsichtlich der Abkehr vom Bösen, weil die Handlung von Sünde entschuldigt wird, denn sie wäre eine Sünde außerhalb der Ehe. Aber dies wäre zu wenig, da sie dies auch im Alten Gesetz hatte. Und so sagen sie, dass sie den Menschen veranlasst, sich vom Bösen abzuwenden, indem sie die Begierlichkeit zügelt, damit sie nicht zu etwas außerhalb der Ehegüter tendiert, aber dass diese Gnade einen Menschen nicht befähigt, gute Werke zu tun. Aber dies kann nicht aufrechterhalten werden, da dieselbe Gnade die Sünde hindert und zum Guten neigt, so wie dieselbe Wärme Kälte vertreibt und Wärme gibt.
Daher sagen andere, dass die Ehe, insofern sie im Glauben an Christus geschlossen wird, fähig ist, die Gnade zu verleihen, die uns befähigt, jene Werke zu tun, die in der Ehe erforderlich sind; und dies ist wahrscheinlicher, da Gott, wo immer Er die Fähigkeit gibt, eine Sache zu tun, auch die Hilfen gibt, durch die der Mensch befähigt wird, geziemenden Gebrauch von dieser Fähigkeit zu machen; so ist es klar, dass allen Seelenkräften körperliche Glieder entsprechen, durch die sie zur Tat schreiten können. Da also der Mensch in der Ehe durch göttliche Einsetzung die Fähigkeit erhält, seine Frau zur Zeugung von Kindern zu gebrauchen, erhält er auch die Gnade, ohne die er dies nicht auf geziemende Weise tun kann; so wie wir es vom Sakrament der Weihe gesagt haben (Quaestio [35], Artikel [1]). Und so ist diese Gnade, die gegeben wird, das letzte Ding, das in diesem Sakrament enthalten ist.
Antwort auf Einwand 1: So wie das Taufwasser kraft seiner Berührung mit dem Leib Christi fähig ist, "den Leib zu berühren und das Herz zu reinigen", so ist die Ehe dazu fähig, weil Christus sie durch Sein Leiden dargestellt hat, und nicht hauptsächlich durch irgendeinen Segen des Priesters.
Antwort auf Einwand 2: So wie das Wasser der Taufe zusammen mit der Form der Worte nicht unmittelbar in der Eingießung der Gnade resultiert, sondern in der Einprägung des Charakters, so bewirken die äußeren Handlungen und die Worte, die den Konsens ausdrücken, direkt ein gewisses Band, welches das Sakrament der Ehe ist; und dieses Band wirkt kraft seiner göttlichen Einsetzung dispositiv auf die Eingießung der Gnade hin.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument würde gelten, wenn kein wirksameres Heilmittel gegen die Krankheit der Begierlichkeit angewendet werden könnte; aber ein noch mächtigeres Heilmittel findet sich in geistlichen Werken und der Kasteiung des Fleisches durch jene, die keinen Gebrauch von der Ehe machen.
Antwort auf Einwand 4: Ein Heilmittel kann gegen die Begierlichkeit auf zwei Weisen angewendet werden. Erstens aufseiten der Begierlichkeit, indem man sie in ihrer Wurzel unterdrückt, und so bietet die Ehe ein Heilmittel durch die darin gegebene Gnade. Zweitens aufseiten ihrer Handlung, und dies auf zwei Weisen: erstens, indem man der Handlung, zu der die Begierlichkeit neigt, ihre äußere Schändlichkeit nimmt, und dies geschieht durch die Ehegüter, welche die fleischliche Begierlichkeit rechtfertigen; zweitens, indem man die schändliche Handlung hindert, was durch die bloße Natur der Handlung geschieht, weil die Begierlichkeit, wenn sie durch den ehelichen Akt befriedigt ist, nicht so sehr zu anderer Bosheit neigt. Aus diesem Grund sagt der Apostel (1 Kor 7,9): "Es ist besser zu heiraten als zu brennen." Denn obwohl die der Begierlichkeit entsprechenden Werke an sich von einer Natur sind, die Begierlichkeit zu vermehren, so unterdrücken sie doch die Begierlichkeit, insofern sie gemäß der Vernunft gelenkt werden, weil gleiche Handlungen in gleichen Dispositionen und Gewohnheiten resultieren.