Suppl., q. 18 a. 3
Ob der Priester kraft der Schlüsselgewalt binden kann?
Quaestio 18 · Von der Wirkung der Schlüssel
Einwand 1: Es scheint, dass der Priester kraft der Schlüsselgewalt nicht binden kann. Denn die sakramentale Gewalt ist als Heilmittel gegen die Sünde hingeordnet. Nun ist Binden kein Heilmittel für die Sünde, sondern scheint eher zu einer Verschlimmerung der Krankheit beizutragen. Also kann der Priester durch die Schlüsselgewalt, die eine sakramentale Gewalt ist, nicht binden.
Einwand 2: Ferner, so wie Lösen oder Öffnen bedeutet, ein Hindernis zu entfernen, so bedeutet Binden, ein Hindernis zu setzen. Nun ist ein Hindernis für den Himmel die Sünde, die uns nicht durch eine äußere Ursache auferlegt werden kann, da keine Sünde begangen wird außer durch den Willen. Also kann der Priester nicht binden.
Einwand 3: Ferner beziehen die Schlüssel ihre Wirksamkeit aus dem Leiden Christi. Aber Binden ist keine Wirkung des Leidens. Also kann der Priester nicht durch die Schlüsselgewalt binden.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Mt 16,19): „Was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein.“
Ferner sind rationale Kräfte auf Gegensätze gerichtet. Aber die Schlüsselgewalt ist eine rationale Kraft, da sie mit Unterscheidungsvermögen verbunden ist. Also ist sie auf Gegensätze gerichtet. Wenn sie also lösen kann, kann sie binden.
Ich antworte darauf: Das Handeln des Priesters beim Gebrauch der Schlüssel ist dem Handeln Gottes gleichförmig, dessen Diener er ist. Nun erstreckt sich Gottes Handeln sowohl auf die Schuld als auch auf die Strafe; auf die Schuld zwar, um sie direkt zu lösen, aber um sie indirekt zu binden, insofern Er als verhärtend bezeichnet wird, wenn Er Seine Gnade vorenthält; wohingegen sich Sein Handeln direkt auf die Strafe erstreckt, in beiderlei Hinsicht, weil Er sie sowohl erlässt als auch verhängt. In gleicher Weise übt daher der Priester, obwohl er beim Absolvieren eine Handlung ausübt, die auf den Nachlass der Schuld hingeordnet ist, in der oben erwähnten Weise (Artikel [1]), dennoch beim Binden keine Handlung auf die Schuld aus (es sei denn, man sagt, er binde, indem er den Büßer nicht absolviert und ihn als gebunden erklärt), aber er hat die Macht sowohl des Bindens als auch des Lösens in Bezug auf die Strafe. Denn er löst von der Strafe, die er erlässt, während er hinsichtlich der Strafe bindet, die verbleibt. Dies tut er auf zwei Arten – erstens hinsichtlich der Quantität der Strafe im Allgemeinen betrachtet, und so bindet er nicht, außer indem er nicht löst und den Büßer als gebunden erklärt; zweitens hinsichtlich dieser oder jener besonderen Strafe, und so bindet er zur Strafe, indem er sie auferlegt.
Antwort auf Einwand 1: Der Rest der Strafe, zu dem der Priester den Büßer bindet, ist die Arznei, die letzteren vom Makel der Sünde reinigt.
Antwort auf Einwand 2: Nicht nur die Sünde, sondern auch die Strafe ist ein Hindernis für den Himmel: und wie letztere vom Priester auferlegt wird, ist im Artikel gesagt worden.
Antwort auf Einwand 3: Auch das Leiden Christi bindet uns an eine gewisse Strafe, wodurch wir Ihm gleichförmig werden.