Suppl., q. 16 a. 2
Ob die Heiligen in der Herrlichkeit Buße haben?
Quaestio 16 · Von den Empfängern des Bußsakraments
Einwand 1: Es scheint, dass die Heiligen in der Herrlichkeit keine Buße haben. Denn wie Gregor sagt (Moral. iv), „erinnern sich die Seligen ihrer Sünden, so wie wir uns ohne Schmerz unserer Schmerzen erinnern, nachdem wir geheilt worden sind.“ Die Buße aber ist Schmerz des Herzens. Also haben die Heiligen im Himmel keine Buße.
Einwand 2: Ferner sind die Heiligen im Himmel Christus gleichgestaltet. In Christus aber gab es keine Buße, da es keinen Glauben gab, welcher das Prinzip der Buße ist. Also wird es keine Buße in den Heiligen im Himmel geben.
Einwand 3: Ferner ist ein Habitus nutzlos, wenn er nicht in seinen Akt überführt wird. Die Heiligen im Himmel aber werden nicht aktuell bereuen, denn wenn sie es täten, gäbe es etwas in ihnen gegen ihren Wunsch. Also wird der Habitus der Buße nicht in ihnen sein.
Einwand 4: Andererseits ist die Buße ein Teil der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit aber ist „ewig und unsterblich“ (Weish. 1,15) und wird im Himmel bleiben. Also auch die Buße.
Einwand 5: Ferner lesen wir im Leben der Väter, dass einer von ihnen sagte, selbst Abraham werde bereuen, nicht mehr Gutes getan zu haben. Man muss aber das getane Böse mehr bereuen als das unterlassene Gute, und zu dem man nicht verpflichtet war, denn von solcher Art ist das fragliche Gute. Also wird es dort Reue über das getane Böse geben.
Ich antworte darauf: Die Kardinaltugenden werden im Himmel bleiben, aber nur hinsichtlich der Akte, die sie in Bezug auf ihr Ziel ausüben. Da also die Tugend der Buße ein Teil der Gerechtigkeit ist, welche eine Kardinaltugend ist, wird jeder, der den Habitus der Buße in diesem Leben hat, ihn im kommenden Leben haben: aber er wird nicht denselben Akt haben wie jetzt, sondern einen anderen, nämlich Danksagung an Gott für seine Barmherzigkeit bei der Vergebung seiner Sünden.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument beweist, dass sie nicht denselben Akt haben, den die Buße jetzt hat; und dies geben wir zu.
Antwort auf Einwand 2: Christus konnte nicht sündigen, weshalb ihm die Materie dieser Tugend sowohl aktuell als auch potenziell fehlte: so dass es keinen Vergleich zwischen Ihm und anderen gibt.
Antwort auf Einwand 3: Reue im eigentlichen Sinne, betrachtet als jener Akt der Buße, der in diesem Leben ist, wird nicht im Himmel sein: und doch wird der Habitus nicht ohne Nutzen sein, denn er wird einen anderen Akt haben.
Antwort auf Einwand 4: Wir geben das vierte Argument zu. Da aber der fünfte Einwand beweist, dass es im Himmel denselben Akt der Buße geben wird wie jetzt, antworten wir auf letzteren, indem wir sagen, dass man im Himmel gänzlich dem Willen Gottes gleichgestaltet sein wird. Weshalb, wie Gott durch seinen vorausgehenden Willen, nicht aber durch seinen nachfolgenden Willen, wünscht, dass alle Dinge gut seien, und daher, dass es kein Übel gebe, so verhält es sich auch mit den Seligen. Diesen Willen nennt dieser heilige Vater uneigentlich Buße.