II-II, q. 85 a. 2
Ob das Opfer allein Gott dargebracht werden muss?
Quaestio 85 · Vom Opfer
Einwand 1: Es scheint, dass das Opfer nicht allein dem höchsten Gott dargebracht werden sollte. Da das Opfer Gott dargebracht werden soll, scheint es, dass es allen dargebracht werden sollte, die der Gottheit teilhaftig sind. Nun werden heilige Menschen „teilhaftig der göttlichen Natur“, gemäß 2 Petr 1,4; weshalb von ihnen geschrieben steht (Ps 81,6): „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter“: und auch Engel werden „Söhne Gottes“ genannt, gemäß Ijob 1,6. Somit sollte all diesen ein Opfer dargebracht werden.
Einwand 2: Ferner, je größer eine Person ist, desto größer ist die Ehre, die ihr vom Menschen gebührt. Nun sind die Engel und Heiligen weit größer als irgendwelche irdischen Fürsten: und doch erweisen die Untertanen der letzteren ihnen viel größere Ehre, indem sie sich vor ihnen niederwerfen und ihnen Geschenke darbringen, als durch das Darbringen eines Tieres oder irgendeiner anderen Sache im Opfer impliziert wird. Viel mehr darf man daher den Engeln und Heiligen Opfer darbringen.
Einwand 3: Ferner werden Tempel und Altäre für das Darbringen von Opfern errichtet. Doch werden Tempel und Altäre Engeln und Heiligen errichtet. Daher können auch ihnen Opfer dargebracht werden.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ex 22,20): „Wer Göttern opfert, soll mit dem Tode bestraft werden, außer allein dem Herrn.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), ein Opfer dargebracht wird, damit etwas dargestellt werde. Nun stellt das Opfer, das äußerlich dargebracht wird, das innere geistige Opfer dar, wodurch die Seele sich selbst Gott darbringt gemäß Ps 50,19: „Ein Opfer für Gott ist ein geängsteter Geist“, da, wie oben dargelegt (Frage [81], Artikel [7]; Frage [84], Artikel [2]), die äußeren Akte der Religion auf die inneren Akte hingeordnet sind. Wiederum bringt die Seele sich selbst Gott als Opfer dar als ihrem Anfang durch die Schöpfung und ihrem Ziel durch die Beseligung: und gemäß dem wahren Glauben ist Gott allein der Schöpfer unserer Seelen, wie im ersten Teil dargelegt (FP, Frage [90], Artikel [3]; FS, Frage [118], Artikel [2]), während in Ihm allein die Seligkeit unserer Seele besteht, wie oben dargelegt (FS, Frage [1], Artikel [8]; FS, Frage [2], Artikel [8]; FS, Frage [3], Artikel [1],7,8). Weshalb wir, so wie wir Gott allein das geistige Opfer darbringen sollen, Ihm auch allein äußere Opfer darbringen sollen: ebenso wie wir „in unseren Gebeten und Lobpreisungen Ihm bezeichnende Worte darbringen, Dem wir in unseren Herzen die Dinge opfern, die wir dadurch bezeichnen“, wie Augustinus feststellt (De Civ. Dei x, 19). Überdies finden wir, dass in jedem Land das Volk gewohnt ist, dem souveränen Herrscher irgendein besonderes Zeichen der Ehre zu erweisen, und dass, wenn dies jemand anderem erwiesen wird, es ein Verbrechen des Hochverrats ist. Daher ist im göttlichen Gesetz die Todesstrafe jenen zugewiesen, die göttliche Ehre einem anderen als Gott erweisen.
Antwort auf Einwand 1: Der Name der Gottheit wird gewissen Wesen mitgeteilt, nicht gleichrangig mit Gott, sondern durch Teilhabe; daher gebührt ihnen auch nicht die gleiche Ehre.
Antwort auf Einwand 2: Das Darbringen eines Opfers wird nicht nach dem Wert des getöteten Tieres bemessen, sondern nach seiner Bedeutung, denn es geschieht zu Ehren des souveränen Herrschers des ganzen Universums. Weshalb, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei x, 19), „die Dämonen sich nicht am Gestank der Leichen erfreuen, sondern am Empfang göttlicher Ehren.“
Antwort auf Einwand 3: Wie Augustinus sagt (De Civ. Dei viii, 19), „errichten wir den Märtyrern keine Tempel und Priestertümer, weil nicht sie, sondern ihr Gott unser Gott ist. Weshalb der Priester nicht sagt: Ich bringe dir ein Opfer dar, Petrus oder Paulus. Sondern wir danken Gott für ihre Siege und spornen uns an, sie nachzuahmen.“