II-II, q. 54 a. 3
Ob die Nachlässigkeit eine Todsünde sein kann?
Quaestio 54 · Von der Nachlässigkeit
Einwand 1: Es scheint, dass die Nachlässigkeit keine Todsünde sein kann. Denn eine Glosse Gregors [*Moral. ix. 34] zu Hiob 9,28, „Ich fürchtete alle meine Werke“ etc., sagt, dass „zu wenig Liebe zu Gott das erstere erschwert“, nämlich die Nachlässigkeit. Aber wo immer eine Todsünde ist, ist die Liebe zu Gott gänzlich beseitigt. Also ist die Nachlässigkeit keine Todsünde.
Einwand 2: Ferner sagt eine Glosse zu Jesus Sirach 7,34, „Für deine Nachlässigkeiten reinige dich mit wenigen“, folgendes: „Obwohl die Gabe klein sei, reinigt sie die Nachlässigkeiten vieler Sünden.“ Dies wäre nun nicht so, wenn die Nachlässigkeit eine Todsünde wäre. Also ist die Nachlässigkeit keine Todsünde.
Einwand 3: Ferner waren unter dem Gesetz gewisse Opfer für Todsünden vorgeschrieben, wie aus dem Buch Levitikus hervorgeht. Doch war kein Opfer für Nachlässigkeit vorgeschrieben. Also ist die Nachlässigkeit keine Todsünde.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Sprüche 19,16): „Wer sein eigenes Leben [Vulg.: 'Weg'] vernachlässigt, wird sterben.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2], ad 3), die Nachlässigkeit aus einer gewissen Lässigkeit des Willens entsteht, deren Ergebnis ein Mangel an Sorgsamkeit seitens der Vernunft ist, das zu befehlen, was sie befehlen sollte, oder wie sie es befehlen sollte. Dementsprechend kann es geschehen, dass Nachlässigkeit auf zwei Weisen eine Todsünde ist. Erstens von Seiten dessen, was durch Nachlässigkeit unterlassen wird. Wenn dies entweder ein Akt oder ein Umstand ist, der zum Heil notwendig ist, wird es eine Todsünde sein. Zweitens von Seiten der Ursache: denn wenn der Wille in Bezug auf göttliche Dinge so lässig ist, dass er gänzlich von der Liebe Gottes abfällt, ist solche Nachlässigkeit eine Todsünde, und dies ist hauptsächlich dann der Fall, wenn die Nachlässigkeit auf Verachtung zurückzuführen ist.
Wenn aber die Nachlässigkeit in der Unterlassung eines Aktes oder Umstandes besteht, der nicht zum Heil notwendig ist, ist sie keine Todsünde, sondern eine lässliche Sünde, vorausgesetzt, die Nachlässigkeit entspringt nicht aus Verachtung, sondern aus einem gewissen Mangel an Eifer, für welchen die lässliche Sünde ein gelegentliches Hindernis darstellt.
Antwort auf Einwand 1: Man kann auf zwei Weisen sagen, dass der Mensch Gott weniger liebt. Erstens durch Mangel an dem Eifer der Liebe, und dies verursacht die Nachlässigkeit, die eine lässliche Sünde ist: zweitens durch Mangel an der Liebe selbst, in welchem Sinne wir sagen, dass ein Mensch Gott weniger liebt, wenn er Ihn mit einer bloß natürlichen Liebe liebt; und dies verursacht die Nachlässigkeit, die eine Todsünde ist.
Antwort auf Einwand 2: Gemäß derselben Autorität (Glosse) reinigt eine kleine Gabe, die mit demütigem Sinn und aus reiner Liebe dargebracht wird, den Menschen nicht nur von lässlicher, sondern auch von Todsünde.
Antwort auf Einwand 3: Wenn die Nachlässigkeit in der Unterlassung dessen besteht, was zum Heil notwendig ist, wird sie zu der anderen, offenkundigeren Art der Sünde gerechnet. Weil jene Sünden, die aus inneren Handlungen bestehen, verborgener sind, weshalb keine besonderen Opfer für sie im Gesetz vorgeschrieben waren, da die Darbringung von Opfern eine Art öffentliches Sündenbekenntnis war, wohingegen verborgene Sünden nicht öffentlich bekannt werden sollten.